öhm ja Hintergrund

Dreizehn — Krieg und Frieden


Es musste sein Grinsen gewesen sein, dass ihm letztendlich zum Verhängnis geworden ist. Weil er grinste, als sein Name aufgerufen wurde. Der Offizier stand von einer Sekunde auf die nächste vor ihm und packte ihn am Kragen.

Du glaubst wohl, das ist witzig, was?“, fragte er. Mit jedem Wort spuckte er ein wenig Speichel auf Dereks Gesicht. „Das ist witzig, was du hier tust, nicht wahr?“

Er ließ von ihm ab und ging ein paar Schritte zurück. „Wer auch immer denkt, es sei witzig, da ist die Tür.“ Er wies mit seinen geschwollenen Fingern auf die graue Tür des Bunkers.

Derek verkniff sich sein Grinsen. Er fand es nicht witzig, im Gegenteil. Es war für ihn vielmehr eine Ehre. Hier zu sein und für Deutschland zu kämpfen. Warum, zum Teufel, hatte er gegrinst?

Der schmächtige Junge neben ihm zitterte leicht. Er konnte es deutlich spüren, denn sie standen Schulter an Schulter nebeneinander. Derek konnte sich an seinen Namen nicht mehr erinnern.

Gut.“ Der Offizier beruhigte sich, sein Gesicht nahm eine gesundere Färbung an. Warum er so wütend geworden war, blieb eine unausgesprochene Frage. „Dann können wir ja jetzt anfangen.“


Der Grube, in der sie sich versteckten, verbarg sie gerade genug. Es war tiefste Nacht, und Derek lag neben Samuel — dem schmächtigen Jungen, der so gezittert hatte und mit dem er sich im Laufe der Zeit angefreundet hatte—, ein Gewehr im Anschlag. Sie waren, neben einem anderen pickligen Blonden, die Einzigen hier, die anderen waren an einer anderen Stelle positioniert.

Bis jetzt war nichts passiert, was der Truppe Angst einjagen konnte; ein Junge, Derek meinte, er hieß Andreas, war an der Schulter verletzt worden — mehr nicht. Nichts konnte den Optimismus der Jungen trüben. Irgendwann hielt Derek es nicht mehr aus und beugte sich vorsichtig, und nur ein ganz klein wenig, zu Samuel. Gerade, als er ansetzen wollte, ihm etwas zuzuflüstern, ertönte ein ohrenbetäubendes Geräusch.

Die Welt war in Grau gehüllt, Derek hustete, und kurz darauf verlor er das Bewusstsein.

Als er wieder zu sich kam, lag er auf einem Krankenbett. Eine dunkelhaarige, schon ältere, aber nicht unattraktive Frau stand neben ihm und fühlte gerade seinen Puls.

Endlich aufgewacht“, murmelte sie und holte eine kleine Lampe aus ihrer Brusttasche, mit der sie in seine Augen leuchtete. „Hey!“, protestierte Derek schwach.

Die Frau strich sich ihre gelockten Haare zurück und runzelte die Stirn. Sie hatte bereits viel zu viele Falten, aber Derek hatte dieses Phänomen bei bis jetzt jeder Krankenschwester, die hier im Einsatz war, erlebt. Man alterte viel zu früh.

Was war los?“, fragte er schließlich.

Eine Bombe. Scheiß Krieg.“ Sie ging zu einer kleinen Spüle, nur unweit von Dereks Krankenbett entfernt, und holte ein sauberes Glas aus einem Schränkchen darüber. Nachdem sie es mit Wasser gefüllt hatte, kam sie zurück und setzte sich auf sein Bett. „Trinken. Danach mehr.“

Sie war wohl kein Freund großer Worte, dachte Derek, während er das eklige Wasser kurzum schluckte. „Auf einmal kam jemand rein und hat geschrieen: Bombe! Das ganze Feld war verwüstet. Aber es war eine — verhältnismäßig — kleine. Sie haben wirklich Glück gehabt.“

Derek schluckte noch einmal, aber diesmal aus Angst. „Nur ich?“

Mit spitzen Fingern nahm sie das Glas zurück und stellte es unachtsam auf den Boden. „Natürlich nicht nur Sie. Noch ein paar mehr. Die beiden Jungen, die neben Ihnen lagen. Und noch 4 andere.“

Derek atmete auf. Und spürte, wie er würgen müsste.

Die Frau beobachtete ihn ganz ruhig, während er sich aus seinem Bett hinaus auf die weißen Fliesen erbrach. „Ist auf einmal nicht mehr so witzig, was?“ Derek sah sie erstaunt an. Ihre Augen gaben keinerlei Hinweis darauf, dass sie wusste, was sich an ihrem ersten Tag ereignet hatte. Dann unterbrach sie den Blickkontakt abrupt und stand vom Bett auf.

Sauerei“, murmelte sie und verließ das Zimmer, höchstwahrscheinlich, um etwas zum Säubern zu holen. Er wusste nicht genau, ob sie den Krieg oder das Erbrochene auf dem Boden meinte. Oder beides. Vorsichtig legte er sich wieder zurück in sein Kissen und betrachtete seinen Körper. Seine Finger waren alle noch dran, sein Bauch tat nicht übermäßig weh und auch seine Beine konnte er noch bewegen. Er hatte wohl wirklich Glück gehabt.

Hey du.“ Eine leise Stimme erklang hinter ihm, und er drehte seinen Kopf vorsichtig. Das ihm nur zu gut bekannte Gesicht von Samuel grinste ihn schwach an. „Nettes Kotzen.“

Derek streckte ihm die Zunge raus, obwohl er nicht im Entferntesten zu Scherzen aufgelegt war. Samuel wohl auch nicht, denn danach sahen sie sich nur schweigend an.

Ist das alles scheiße“, murmelte Samuel irgendwann und brachte damit auf den Punkt, was Derek bereits die ganze Zeit gedacht hatte. Er bettete seinen Kopf so auf das Kissen, dass er seinen Kameraden weiter ansehen konnte, bis die Krankenschwester wieder herein kam.

Schlaft, ihr beiden. Morgen könnt ihr immer noch genug rumjammern. Ich will meinen Job ordentlich machen.“

Und als hätte sie einen Schalter umgelegt, schlief Derek kurz darauf tatsächlich ein.


Derek zitterte, noch mehr als Samuel, als die beiden den Platz betrachteten, an dem sie vor ein paar Tagen noch gekämpft hatten — oder es zumindest wollten, bis ihre Pläne durchkreuzt wurden. Klara, das war der Name der Krankenschwester, hatte sie dorthin gebracht. „Um zu sehen, was für ein Spaß es wirklich ist.“

Die Leichen waren weitest gehend weggeschafft worden, erzählte sie ihnen in einem fast beiläufigen Ton. Alles aufgeräumt, da das Ganze wohl nur ein einmaliger Überraschungsangriff gewesen war. „Da verstehe einer den Krieg.“

Sie baute sich vor den Beiden auf und machte eine ausladende Handbewegung. „Seht euch ruhig um. Aber in einer Stunde seid ihr wieder hier. Ich will nicht, dass mir hier einer krepiert von euch, und ich bin schuld.“

Samuel und Derek sahen ihr nach, wie sie den Weg in das provisorische Krankenlager zurück machte. „Sie steht dem Ganzen verdammt gleichgültig gegenüber, nicht wahr?“, flüsterte Samuel und blinzelte.

Ich glaube, das ist nur ihre Art, damit umzugehen.“

Die beiden wandten sich um und blickten auf das weitläufige Gelände. Als sie in der Nacht angekommen waren, hatte es verführerisch gefunkelt — jetzt war es grau und trostlos. Der Graben, in dem sie gelegen hatte, existierte nicht mehr. Stattdessen gab es nur ein großes, flaches Loch. „Wie haben wir’s eigentlich geschafft, das zu überleben?“
Samuel zuckte mit den Schultern. „Würd ja jetzt sagen: Gnade Gottes, aber das trifft’s im Krieg nicht so ganz, oder?“

Ich dachte, du bist Atheist.“ Der Angesprochene grinste leicht. „Ja, das auch.“

Derek wollte etwas erwidern, wusste aber nicht genau was. Also machte er eine auffordernde Handbewegung. „Können wir da runter gehen und uns das ansehen?“

Die werden wohl keine Minen runter geworfen haben, die sich dann sorgsam in die Erde gegraben haben.“ Samuel ging voran und den seichten Hügel hinunter.
„Ich würde jetzt gerne kotzen“, murmelte Derek und blickte der Sonne entgegen, die vom Himmel hinunter schien, als wolle sie ihn verhöhnen. „Dann tu’s doch.“

Ich hab nichts mehr drin, was ich noch erbrechen konnte.“

Samuel blickte ihn mitleidig an. Während der letzten Zeit hatte Derek sich immer übergeben müssen, wann immer er auch nur an den Tag gedacht hatte. „Vergiss es. Bitte. War nur so dahin gesagt. Ich hab jetzt wirklich keine Lust, mich über mein Erbrochenes zu unterhalten.“

Nein? Kann ich gar nicht verstehen.“ Samuel versuchte, witzig zu klingen, was ihm angesichts der Tatsache, wie wirklich beschissen es den beiden ging, nicht wirklich funktionierte. Die beiden gingen schweigend den Weg weiter und standen schließlich in der Mitte.

Samuel hockte sich hin und wühlte ohne festes Ziel in der lockeren, dunklen Erde. Sein Ekel stand ihm ins Gesicht geschrieben, aber er konnte nicht anders. Derek wollte sich neben ihn knien, überlegte es sich dann aber anders und ging ein paar Schritte nach links. Etwas weißes lugte in der Ferne aus dem Boden heraus.

Was ist das da draußen?“, fragte er, während er alle Informationen abrief, die er je über diesen Ort gehabt hatte. Es waren nicht viele, das Meiste davon verschwunden im Schock. Samuel stand auf und wischte sich den Dreck sanft von seiner Hose. „Ein Bunker. Muss aber so 1 Kilometer weg sein. Hat Patrick mir zumindest erzählt.“

Können wir dahin?“ Derek ignorierte das leichte Zucken in seiner Brust, als der Name eines Toten erwähnt wurde. Der Angesprochene zuckte mit den Schultern, bewegte sich dann auf den Bunker zu.


Die Sonne schien auf den Bunker, als wollte sie ihn verhöhnen. Kalt und grau stand er vor ihnen wie ein riesiges Monster. „Meinst du, da ist jemand drin?“, fragte Derek schluckend.

Wer sollte drin sein? Hier ist alles seit gut 4 Tagen ruhig. Die haben sich wohl kaum da einquartiert und spielen Schach.“

Derek klopfte vorsichtig an die fade Mauer. „Kommt man da rein?“ Sein Freund zuckte mit den Schultern und betrachtete die massive Tür. „Wohl eher nicht. Und was willst du da drin tun?“

Nun war es an Derek, mit den Schultern zu zucken. Er wusste es nicht, es war eine Schnapsidee gewesen. Gerade, als er sich umdrehen und wieder zurück gehen wollte, sah er aus den Augenwinkeln ein vielleicht 15jähriges Mädchen, das aus einiger Entfernung auf sie zukam. Auch sie bemerkte die beiden und ihre Augen weiteten sich vor Schrecken; trotzdem ging sie weiter und blickte den beiden fest in die Augen.

Was machen wir jetzt?“, zischte Samuel so leise, dass nur Derek ihn hören konnte. „Keine Ahnung. Ruhig bleiben. Wir haben ja nichts Böses getan.“

Das Mädchen blieb vor ihnen stehen und sagte etwas in einer fremden Sprache. Die beiden Jungen sahen sich hilflos an, das Mädchen wiederholte es, etwas langsamer. Schließlich trat Samuel vor. „You speak English?“ Die Dunkelhaarige überlegte einen Moment, bevor sie langsam nickte.

What doing here? Not yours.“ Ihr brüchiges Englisch wurde von den ausufernden Gesten ihrer dünnen Arme begleitet. Derek überließ seinem Freund den Vortritt, der ihm geschickter im Umgang mit ihr schien. „We’re sorry. We were just looking.“

Sie zeigte auf ihre Ohren und schüttelte den Kopf. Samuel wiederholte es noch einmal, diesmal untermalte er seine Worte mit Gestern. Das Mädchen schien zu verstehen und setzte ein falsches Lächeln auf.

I am Samuel“, sagte Samuel schließlich, dann deutete er auf Derek. „That’s Derek.“

Für kurze Zeit herrschte Schweigen. Man konnte sehen, wie es in dem Mädchen arbeitete — sollte sie ihren Namen verraten oder nicht? Schließlich hob sie ihre Stimme und sagte: „I am Joyce. And this“ — ihre Hände zeigten auf den Bunker — „ours. You so… soldiers?“

Ihre Stimme brach, sie verhaspelte sich und wurde leicht rot. Samuel nickte, denn er wusste, es würde keinen Sinn ergeben, es zu leugnen. Was er befürchtete, trat auch sofort ein: Joyce versteifte sich und suchte offensichtlich nach einer Ausrede, die beiden so schnell wie möglich verlassen zu können.

We’re sorry.“ Das war Derek, der zum ersten Mal gesprochen hatte, seit sie vor ihnen stand. Joyce und Samuel sahen ihn gleichermaßen erstaunt an, als er fortfuhr. „We don’t like war. We just came here.“


Als sie wieder in ihren Betten lagen, konnte Derek kein Auge zu tun. Er hörte das sanfte Schnarchen von Samuel; hörte das leise Tropfen des Wasserhahns, der sich nicht reparieren ließ; und dachte über Joyce nach. Warum er sich entschuldigt hatte, wusste er selbst nicht. Was über ihn gekommen war, als er ihr das erzählt hatte, was er im Innern schon die ganze Zeit gewusst hatte. We don’t like war. We just came here.

Die drei hatten sich noch eine Weile unterhalten, mit Händen, Füßen, und sich irgendwann entspannt in der Gegenwart des jeweils anderen. Sie kam aus der nächsten Stadt. Der Bunker gehörte der Stadt, und sie kam immer wieder hierher, um sich daran zu erinnern, wie schrecklich falsch dies alles war.

Derek seufzte und zog die Decke bis über seine Schultern. Er zitterte leicht, aber es war ein gutes Zittern; er fühlte sich besser als je zuvor. Gerade, als er sich in dem schmalen Bett umdrehen wollte, öffnete sich die Tür sanft.

Klara kam herein und machte ein kleines Lämpchen an. Ihre nächtliche Stippvisite. Bei den anderen in den Betten weilte sie nur kurz, es schien allen gut zu gehen. Derek schloss seine Augen und hoffte, sie würde an ihm vorbeigehen; ohne große Hoffnung, denn Klara hatte sich in den letzten Tagen als eine Frau erwiesen, der man nur wenig verheimlichen konnte.

Immer noch nicht am Schlafen? Oder schon wieder nicht?“, hörte er auch kurz darauf ihre ihm nur zu gut bekannte Stimme.

Immer noch nicht.“ Derek öffnete die Augen wieder und drehte sich zur Krankenschwester herum. Diese lächelte mitleidig. „Habt Joyce getroffen, nicht wahr? So ein liebes Mädchen. Sie kommt wirklich jeden Tag zu dem Bunker. Hatte gehofft, dass ihr sie seht. Weißt du“, sie setzte sich auf sein Bett und strich dem Jungen eine Haarsträhne aus dem Gesicht wie einem Kind, „manchmal wünsche ich mir, jeder, der hier antreten muss, würde sie sehen. Damit er sich schnurstracks in den nächsten Flug nach Hause setzt und es keinen mehr gibt, der kämpfen kann.“

Derek biss sich auf die Lippen, überrascht über das Geständnis, das die sonst so beherrschte Klara ihm gemacht hatte.




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