öhm ja Hintergrund

Zwölf — Feuer


Es ist nichts Neues, Sebastian.“

Na und.“

Er zieht einen Schmollmond und lehnt seinen dünnen Körper an die Tür. „Das ändert nichts daran, dass es scheiße ist.“

Ich lehne mich zurück und beobachte meinen Freund amüsiert. Wenn er wüsste, wie kindisch er manchmal aussieht. Mit seinen goldblonden Strähnen, die ihm in die Augen hängen, und dem Dackelblick.

Sie tun so, als wäre es was ganz Großes, aber wenn du es dir genauer ansiehst, ist es eigentlich nur das Alte in Lila.“

Grün, Jan.“

Er streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht und gibt sein Schmollgesicht auf. Noch eine halbe Stunde bis zur Aufführung, und ihm ist wohl klar, dass Streiten, bzw. Schmollen, zwecklos ist. Jedenfalls bei mir.

Na dann halt grün.“ Ich mache auf dem Absatz kehrt und mache meinen Weg zu den anderen Zirkusartisten. Er folgt mir nicht, sondern geht schon einmal in das Zelt, in dem sich bereits einige Leute eingefunden haben und gespannt auf die Vorstellung warten. Ich brauche mich nicht umzudrehen, um das zu wissen; ich weiß es einfach.

Ganz so alt, wie ich es beschrieben habe, ist der Trick nicht. Er ist neu, zugegeben. Mit Feuer, Pyrotechnik, dem ganzen Kram. Und es ist eine Gefahr. Gott, wie ich Sebastian manchmal hasse, weil er alles weiß.

Eigentlich ist es ein simpler Trick. Ich balanciere auf einem Holzbalken, mit Metall verstärkt, der anfängt zu brennen, sobald ich einen Drittel des Weges überwunden habe. Der Clou dabei ist, es schneller zu schaffen als das Feuer, ohne dabei so schnell zu gehen, dass man die Haltung verliert und abstürzt.

So was wollen die Leute sehen. Immer dasselbe; jemand, der sich in Gefahr begibt, ist das Highlight einer jeden Show. Damit man auf den Stühlen sitzen und sich denken kann: „Wie gut es mir doch geht, im Gegensatz zu dem armen Vogel da!“ Man kann sich über die Verrücktheit des Menschen auslassen: dass jemand so etwas freiwillig tut!

Man vergisst die Welt und sein eigenes Leben erscheint einem auf einmal nicht mehr so miserabel. Es kotzt mich an, die ganzen Idioten, die in Scharen in die Zelte stürmen. Vom Leben als Zirkusartist einmal abgesehen. Jeden Tag in einer anderen Stadt, keine Zeit für Freunde, Liebe. Aber es gibt Schlimmeres.

Hoffe ich jedenfalls.

Maria, eine der Glücklichen, die voltigieren darf (nichts, was man als über alle Maßen gefährlich einstufen kann), lächelt mich aufmunternd an. Ihr Gesicht ist grell geschminkt, in den Farben des Zirkus’: orange und rot. Wenn man sie so sieht, kommt man nicht auf den Gedanken, dass sie in ihrer Freizeit ganz anders ist: die Farben und die aufwändige Hochsteckfrisur übertünchen jeden Gedanken von Individualität. Man ist lediglich das, was man sein soll: eine Showfigur.

Ist Sebastian noch da?“, fragt sie, wartet aber die Antwort gar nicht erst ab. „Der ist soo süß! Frag ihn mal, ob er Lust, was mit mir anzufangen.“

Du bist 17!“, antworte ich grinsend. Tatsächlich ist sie vor Kurzem 18 geworden — und direkt auf den Zirkuszug aufgesprungen, weil sie es bei ihrer Familie nicht mehr ausgehalten hatte und zudem noch ein gewisses Talent aufzuweisen hatte —, aber trotz allem ist Sebastian noch 9 Jahre zu alt für sie. Nicht, dass er so alt aussehen würde.

Ich bin 18! Und na und, du bist auch erst 22!“ Sie piekst mich in die Rippen und widmet sich dann wieder ihrer Schminke. „Mal ehrlich, ich sehe scheiße aus“, murmelt sie. Ich hoffe, dass ich darauf nicht antworten muss.

Ich habe Sebastian wenigstens noch nie gefragt, ob er Lust hat, was mit mir anzufangen“, sage ich stattdessen. Lächelnd strecke ich ihr meine Zunge raus und betrachte mich dann selbst im Spiegel.

Schwarz geschminkte Augen, das Gesicht mit einer weißen Maske überschminkt. In einem Horrorfilm würde ich eher Anstellung finden als in einem Zirkus, befürchte ich. Laut Dom, unserem Zirkusdirektor, muss das so sein. Den Grund hat er mir auch nicht nennen können.

Eine Weile sage ich gar nichts, sondern beobachte nur das hektische Treiben um mich herum. Mehrere Leute schlüpfen in ihre Kostüme, andere schminken sich oder gehen die Show noch einmal mit ihrem Partner durch. Mein Kostüm habe ich schon eine Weile an — selbst wenn Sebastian einen Lachanfall bekommen hat — aber ich ziehe es vor, bereits früh fertig zu sein für die Bühne.

Und du machst’s wirklich?“ Ich drehe mich um und sehe meinen Freund, der an einem der Schminktischchen steht und fasziniert das bunte Puder inspiziert. „Wie haben die dich rein gelassen?“

Liegt alles an meinem unwiderstehlichen Charme“, antwortet er, mit gespielt todernstem Gesicht. Ich schnaube, aber sage nichts darauf. Stattdessen antworte ich auf seine vorige Frage: „Ja, tu ich. Wenn’s schief geht, hab ich Pech gehabt. Dann haben die Besucher wenigstens noch ihren Enkeln was Nettes zu erzählen.“

Arschloch.“

Du auch.“

Ich weiß.“

Das ist schön.“

Wir beide grinsen uns an, und in dem Moment weiß ich, dass es schon passen wird.


Die Menge kocht. Diverse Zaubertricks wurden bereits vorgeführt, und Dom verkündet gerade mit seiner unglaublich tiefen und wie für den Beruf des Zirkusdirektors geschaffenen Stimme den nächsten Act an: mich. Die Menge raunt, die Menge klatscht und schreit. Ich meine, Sebastians Stimme ausmachen zu können, aber das ist Einbildung.

Zitternd trete ich in die Mange hinaus. Das Licht blendet mich und muss mich für einen Betrachter unheimlich bleich erscheinen lassen; vielleicht habe ich den Grund für die weiße Schminke endlich gefunden: ich sehe so beschissen aus, wie ich mich fühle.

Die Leiter hochzuklettern ist kein Akt. Viel mehr Angst bereitet mir die Tatsache, dass es kein Sicherungsnetz gibt. Mich beschleicht der Gedanke, dass es illegal sein könnte, so etwas zu tun, aber ich glaube, das ist eher mein Gewissen, dass sie Schuld von sich schieben will, sollte etwas schief gehen.

Unter dem Applaus der Menge stehe ich auf der Plattform und versuche, mein unkontrolliertes Zittern langsam unter Kontrolle zu bringen: Etwas beunruhigt mich, ich weiß nicht was. „Jan, beruhig dich“, murmle ich leise zu mir selbst und bin überrascht, als es tatsächlich ein wenig besser geht.

Das Balancieren ist an sich einfach — sogar sehr einfach, denn es ist kein Seil, sondern ein Holzbalken. Seit meiner Kindheit lebe ich praktisch auf diesen Seilen. Nur das Feuer stört mich. Ich hatte schon immer Angst vor Feuer.

Ein Trommelwirbel ertönt, und das ist mein Signal. Vorsichtig setze ich einen Fuß vor den anderen. Schließe die Augen und lasse mich von meiner inneren Stimme leiten. Es klingt verrückt, aber so habe ich noch jedes Seil überstanden. Als ich langsam ein Auge öffne und nach unten blinzle, sehe ich die Menge unter mir. Sie ist totenstill, eine formlose Masse von gaffenden Menschen. Das Blut rauscht in meinen Ohren, als ich den kleinen, weißen Strich auf dem Balken erblicke. Gleich fängt das Feuer an. Ich schlucke und nicke dem Techniker, von dem ich weiß, dass er irgendwo in den Planen des Zeltes sitzt, zu. Alles in Ordnung.

Ich höre das Knistern und weigere mich, mich umzudrehen. Einfach immer weiter, immer weiter… alles ignorieren, die leisen Pfiffe von unten, das Knirschen des Holzes — einen Fuß vor den anderen setzen, und eins zwei drei, eins zwei drei.

Mit der Zeit werde ich immer schneller, renne fast über das Holz — oder was man rennen nennen kann —, und als ich die Metallplattform erreicht habe, kann ich es selbst nicht so ganz glauben. Das erste Mal während des gesamten Acts blicke ich mich um und sehe das leise und — dank erfahrener Pyrotechniker — angenehm in Schach gehaltene Feuer auf mich zu kriechen, bevor es sich an der Metallplatte verliert.

Ein tosender Applaus lässt mich grinsen. Ich hatte es geschafft! Zufrieden blicke ich nach unten und meine, Sebastian in der Menge ausmachen zu können. Ich habe wohl wirklich Halluzinationen. Als der Applaus noch etwas mehr wird, verbeuge ich mich vorsichtig.


Es ist nicht gut, wenn er so da liegt —“

Natürlich ist es gut, verdammt, er atmet noch!“

Und es sieht nicht so aus, als würde es noch ziemlich —“

Verdammt, sei ruhig!“

Sebbi… Sebbi, ich weiß, dass du —“

Was ist los?“

Die Hand, die meine vorsichtig umklammert hält, zuckt und lässt mich erstaunt die Augen öffnen. Sebastian steht neben mir und sieht mich mit leuchtenden Augen an.

Was ist passiert?“, wiederhole ich noch einmal, diesmal etwas fordernder, als niemand antwortet, sondern mich nur anstarrt.

Du bist runter gefallen. Ich meine, nicht bei dem Balancieren selber — da warst du fehlerlos — aber irgendwas an der Leiter war falsch, oder vielleicht hattest du auch einfach nur Pech —“ Die Worte sprudeln aus meinem Freund heraus, während er immer noch meine Hand fest hält.

Spürst du irgendwas?“, unterbricht Maria ihn rücksichtslos. Die Beleuchtung ist beinahe aus, und ihr Gesicht wirkt unter der Schminke seltsam gefährlich. Ihre langen Fingernägel streifen über meine Wange.

Ja, das hier.“ Ich versuche, auf ihre Fingernägel zu deuten, aber meine Hände versagen. Ein verzweifeltes Augenverdrehen in Richtung meiner Wange muss genügen.

Sebastian und Maria werfen sich bedeutungsvolle Blicke zu. Jetzt erst merke ich, dass sie nicht allein sind. Mehrere Leute stehen um mich herum. Ich glaube, ein paar meiner Kameraden auszumachen, aber sicher bin ich mir nicht. Dom ist nirgendwo zu erkennen, und auch das Publikum ist nicht mehr da.

Sonst nichts?“ Sebastian streicht sich eine seiner altbekannten Strähnen aus dem Gesicht, während er langsam näher an mich heran rutscht.

Nein. Sollte ich?“ Noch bevor ich es ausgesprochen habe, wurde es mir klar. Natürlich musste mir irgendetwas Beschissenes weh tun, wenn ich gerade — oder wie lange ist es schon her? — 10 Meter in die Tiefe gestürzt bin. Ich will meinen Kopf hochheben, um etwas von meinem Körper zu sehen, wenn ich schon nichts spüre, aber er lässt sich ebenso wenig bewegen.

Ähm… ja sollte es. Deine Beine sehen so aus, als würdest du sie innerhalb der nächsten paar Monate nicht mehr bewegen können, und deine Rippen — wir, wir dachten zuerst, du bist tot, weil du nichts gemacht hast, nur geatmet — aber dann bist du auf einmal aufgewacht, es sind gerade mal 5 Minuten her, wir haben gerade erst die ganzen Zuschauer aus dem Zelt gekriegt …“

Maria verschwimmt vor meinen Gesicht, und ich schließe meine Augen für ein paar Sekunden. „Ich habe den Arzt gerufen, er müsste in ein paar Minuten da sein.“ Das ist Lees Stimme. Er kniet neben mir nieder; ich murmle ein schwaches „Hallo“.

Der Zirkusdirektor springt auf und gut einen Meter zurück. „Wieso kann er reden?“

Ich bin ein Mensch. Menschen können reden“, antworte ich spöttisch, spüre aber die Richtigkeit seiner Frage. Es ist physikalisch, oder biologisch, oder was auch immer, unmöglich. Und es fühlt sich so verdammt gut an.


Als der Arzt ankommt, bin ich immer noch bei Bewusstsein und spüre immer noch nichts. Sebastians Hand hat meine während der gesamten Zeit nicht verlassen, aber er redet nicht mehr, sondern blickt mich einfach nur an. Als würde er irgendetwas wissen, was ich nicht weiß.

Noch nicht einmal, als mich der Arzt im Eiltempo untersucht — sichtlich erstaunt darüber, dass ich noch lebe und putzmunter bin —, tut es mir wirklich weh. Ich spüre, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist, aber es ist eher so, als würde mich jemand kitzeln. Sebastian hebt an, zu sprechen, doch ich komme ihm zuvor.

Sebbi, wenn du jetzt irgendwas Theatralisches sagst, ich schwöre dir, du bist der Nächste, der so auf der Trage liegt.“

Er lächelt und schüttelt einfach den Kopf. „Schätze, du weißt eh alles, was ich sagen will?“

Ich versuche, mein Gesicht so ernst wie möglich wirken zu lassen — schwierig, da ich mir nicht sicher bin, ob ich noch volle Kontrolle über meine Gesichtsmuskeln habe —, während ich ihm antworte: „Natürlich. Du wolltest mir deine unsterbliche Liebe gesehen, und dass du ohne mich nicht leben kannst und ich dein Ein und Alles bin…“

Du hast es erfasst“, antwortet er mit einem Grinsen und drückt noch einmal meine Hand. Am Gesicht des Arztes merke ich, dass es etwas Schlimmes ist, was auch immer es ist. Er wirft mir ständig Seitenblicke zu, während er meine Beine untersucht.

Ich seufze und schließe die Augen.




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