öhm ja Hintergrund

Neun — Sebbi

Sebbi. Sebbi. Sebbi.“ Ich saß auf meinem Bett und starrte Löcher in die Luft, versuchte, die Umwelt um mich herum komplett zu ignorieren. Es gestaltete sich als schwierig, da meine kleine Schwester ständig meinen Namen rief – oder das, was sie für meinen Namen hielt. Sie saß an der Wand, die Beine fest umklammert und sie starrte mich an, die ganze Zeit, egal, was ich tat. Überallhin folgten mir ihre eisblauen, riesigen Kinderaugen.
„Sebbi. Sebbi. Sebbi.“ Jetzt löste sie vorsichtig ihren Klammergriff um ihren Schoß und stand wackelnd auf. Sie konnte nicht gut laufen, weiß der Teufel, wieso. Das hinderte sie allerdings nicht daran, zu mir zu schwanken und mich anzuquieken. Mit ihrer viel zu hohen Stimme, einer Piepsstimme, die Micky Maus alle Ehre gemacht hätte und mich in den Wahnsinn trieb, wie so ziemlich alles an ihr.
„Sebbi.“ Vorsichtig stützte sie sich mit ihren kleinen, zerbrechlichen Fingerchen auf meinen Knien ab und sah mich glücklich an. „Zu dir komm“, lispelte sie und lächelte. „Klara, lass mich in Ruhe.“ Ich nahm ihre Hände und schob sie weg. Dass ich dabei so unsanft vorging, dass sie hinplumpste, war mir egal. Sie sollte mich in Ruhe lassen.
Zum Glück war Klara nicht eine von diesen Kleinkindern, die bei jedem Scheiß anfingen zu heulen. Stattdessen versuchte sie, wieder aufzustehen. Nur um wieder zu mir zu kommen, das wusste ich. „Klara, lass mich verdammt noch mal in Ruhe.“  Ich stand von meinem Bett auf, half ihr aufzustehen, da sie es immer noch nicht schaffte, und wollte dann aus dem Zimmer. Sie machte mir einen Strich durch die Rechnung, wie immer. Ihre Händchen klammerten sich an meine Jeans, so dass sie mich zwang, langsamer zu laufen, so, dass sie mithalten konnte.
„Sebbi“, wiederholte sie glücklich. „Mann, ich heiße Sebastian, du dumme Göre!“, entfuhr es mir, ehe ich es zurückhalten konnte. Klara sah mich betroffen an und es tat mir schon wieder leid. Wenigstens weinte sie immer noch nicht, sondern ging ohne ein Wort wieder zu ihrem alten Platz an der Wand, setzte sich hin. Dann vergrub sie ihren Kopf in ihren Händen und begann leise irgendeine Melodie zu summen. Ich seufzte und öffnete die Tür zum Wohnzimmer. Obwohl ich es nicht zugeben wollte, tat es weh, sie so… verletzt zu sehen. Ich konnte es nicht ertragen, verdammt!
Im Wohnzimmer war alles dunkel. Die Rolladen waren heruntergelassen und von der alten Stehlampe konnte man sich auch kein Licht mehr erhoffen – sie war seit geraumer Zeit kaputt und es kümmerte keinen. Vorsichtig tastete ich mich an den Möbeln vorbei zum Fenster und öffnete eine Rollade ein kleines Stück. Das Licht, das herein schien, war schon von fast grausamer Helligkeit, die mich blendete, obwohl es in meinem Zimmer heller gewesen war. Wie erwartet lag meine Mutter auf der Couch und lief unruhig.
Wenigstens redete sie nicht mehr im Schlaf, dachte ich grimmig. Es interessierte mich nicht, was sie ihren zahllosen Exfreunden an den Kopf zu werfen hatte. Das war etwas, was sie mit sich selbst ausmachen musste.
„Sebbi.“ Ich hörte ein leises Stöhnen, als meine Mutter versuchte, aufzublicken. „Hallo Mama“, erwiderte ich leise. „Ist das Licht zu hell?“ „Nein… ist schon in Ordnung. Wie spät ist es?“ Ich sah auf die Uhr. „Fast 7 Uhr. Abends“, fügte ich dann noch hinzu. Meine Mutter nickte und machte Anstalten, aufzustehen. „Ich muss noch nach Klara sehen.“ Ihre Stimme klang rau und trocken. „Sie ist in meinem Zimmer. Es geht ihr gut. Möchtest du was zu trinken?“ Ich sah sie an und sie nickte vorsichtig, bevor sie ihren Kopf wieder auf ein Sofakissen legte. Schnell entfernte ich mich aus dem Wohnzimmer.
Wie immer war die Küche übersät von unzähligen Flaschen. Bier, Wein, so weit das Auge reichte. Was davon ihr und was ihren Lovern gehörte, wollte ich gar nicht wissen. Ich schätzte, den meisten Teil soff sie allein weg. Vorsichtig stieg ich über die Flaschen und öffnete den Kühlschrank. Nichts drin, was zu gebrauchen war. Wie immer. Ich seufzte und ging zur Spüle, nahm ein halbwegs sauberes Glas und füllte es mit Leitungswasser. Dann tapste ich wieder zurück ins Wohnzimmer.
„Hier.“ Ich hielt ihr das Glas unter die Nase. Sie stöhnte und richtete sich so auf, dass sie in einer halb sitzenden, halb liegenden Position verharrte. Dann nahm sie mir das Glas aus der Hand und trank einen Schluck. „Es ist Wasser“, stellte sie angewidert fest. „Was anderes gibt es nicht“, erwiderte ich säuerlich und ließ mich auf den Sessel fallen. Widerwillig trank sie noch einen Schluck, während ich mich umsah, nur um mich ihrer Aufmerksamkeit entziehen zu können. Ich hasste es, mit ihr reden zu müssen.
„Wo ist der Fernseher?“, fragte ich verblüfft. Die Kommode zierte jetzt ein hässliches Spitzendeckchen und nicht mehr der mindestens 10 Jahre alte Schrotthaufen, an dem mein Herz trotz Unzuverlässigkeit irgendwie gehangen hatte. Mutter zuckte mit den Schultern. „Brian hat ihn mitgenommen, als er… gegangen ist.“ Ich schnaubte verächtlich. „Gegangen, soso“, murmelte ich und stand auf. „Wohin willst du?“ Ihre Stimme klang immer noch unerträglich. Vielleicht lag es auch einfach an meiner Wahrnehmung. „In mein Zimmer.“
Alles war besser als die Anwesenheit meiner Mutter. Ich machte mich auf in mein Zimmer und war nicht überrascht, als ich Klara am Türrahmen lehnen sah. „Du sollst uns nicht zuhören“, knurrte ich ärgerlich und meine Schwester zuckte nur mit den Schultern. Ich beugte mich zu ihr runter und hob sie hoch. Sie klammerte sich fast augenblicklich an meinen Armen fest und senkte ihr Gesicht auf meine Brust. „Mama pöse“, flüsterte sie leise. Ich widersprach ihr heftig. „Mama ist nicht böse! Sie ist nur… sie ist…“ Ich stockte. Was war sie, was ich Klara beruhigt erzählen konnte? Und was scherte es mich, was wollte ich sie verteidigen?
Ich ließ Klara vorsichtig auf mein Bett fallen. Ich war viel zu nett zu ihr gewesen, obwohl sie mich nervte. Verdammt, sie nervte, und doch brachte ich es nicht übers Herz, sie irgendwie leiden zu lassen. „Du musst ins Bett, Klara. Geh schlafen.“ Vorsichtig drückte ich sie in die Senkrechte und zog eine Decke über sie drüber. „Ausziehen?“, nuschelte sie fragend und ich schüttelte den Kopf. „Geh einfach schlafen, Klara.“ Sie nickte und kuschelte sich in die Decke. Ich gab ihr unerklärlicherweise noch einen kurzen Kuss auf die Stirn, nur um kurz danach aufzustehen und nach draußen zu gehen. Ins wirkliche Draußen, nicht in die Welt meiner Mutter, sondern in irgendeinen Club. Irgendeine Bar. Egal wohin, nur weg.
„Sebbi?“ Kurz, bevor ich die Tür hinter mir zudrücken konnte, hielt Klara mich zurück. Einem Reflex folgend murmelte ich ein „hmm“.
„Mama pöse“, flüsterte Klara wieder „Mama pöse weil Welt pöse.“ Ich neigte meinen Kopf und biss mir auf die Lippen. „Du hast es erfasst“, murmelte ich leise und schloss dann endgültig die Tür.




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