öhm ja Hintergrund

Zehn — Everytime


Der Raum war erfüllt von einem leichten Vanilleduft, und das Licht war leicht gedämpft. Binnen weniger Stunden hatte Frank das einst so triste Wohnzimmer in eine Wohlfühloase verwandelt. Es war warm, die Heizung lief leise murmelnd im Hintergrund, und der Tisch war gedeckt. Der Plattenspieler, den er für solche Gelegenheiten gekauft hatte, stand, noch stumm, auf einem kleinen Tisch neben dem cremefarbenen Sofa, dessen blutrote Kissen einen angenehmen Kontrast bildeten.

Zufrieden setzte Frank sich auf einen Stuhl, der teilnahmslos an dem Tisch stand, und besah sich das Gedeck. Es waren Erbstücke seiner Mutter, und Beatrice legte beinahe peinlich genau Wert darauf, dass sie immer gepflegt waren, etwas, für das er ihr an diesem Abend am liebsten auf Knien gedankt hätte.

Ein Klingeln riss ihn aus seiner Zufriedenheit, und ein Blick auf seine Uhr verriet ihm, dass sie heute einmal pünktlich war. Das war gut, denn Pünktlichkeit bedeutete weniger Stress im Büro, und weniger Stress im Büro bedeutete gute Laune. Mit einem vorfreudigen Lächeln auf den Lippen stand er von dem Stuhl auf und ging in den Flur, wo er die Haustür öffnete. Normalerweise hütete seine Frau den Schlüssel bei sich, als wäre er der heilige Gral, doch Frank hatte ihr den Schlüssel am vorherigen Abend geschickt entwenden können und sie so dazu gezwungen, sich darauf zu verlassen, dass ihr Ehemann vor ihr da sein würde. Und mit einem verschmitzten Gesichtsausdruck und einem sanften Kuss auf den Mund hatte er ihr ebendies mit Nachdruck versprochen.

Ihre Wangen waren leicht gerötet und ihre Haare ein wenig zersaust von dem kalten Wind, der unnachahmlich über die Veranda und sicherlich auch über den Rest der Stadt blies. Mit einem erstaunten Gesichtsausdruck folgte sie Franks einladender Handbewegung in die warme Wohnung hinein, nur um in der Mitte des Flures anzuhalten und sich nach Frank umzublicken, der gerade galant die Tür verschloss.

Womit habe ich das verdient?“, fragte sie mit ihrer angenehm rauen Stimme und legte den Kopf schief, während sie versuchte, ihre kastanienfarbenen Haare zu bändigen. Frank zuckte mit den Schultern und lächelte leicht. „Damit, dass du so bezaubernd bist?“ Beatrice verdrehte die Augen und begann damit, ihre Jacke und Schuhe auszuziehen. Sofort war Frank zur Stelle und nahm seiner Frau die Jacke ab.

Erlauben Sie, werte Dame?“, fragte er gestelzt und mit einem leicht ironischen Unterton, was Beatrice nur mit einem belustigten Schnauben beantwortete. „Frank, manchmal machst du mir Angst.“ Aber sie ließ sich bereitwillig in das Wohnzimmer führen, wo sie abrupt stehen blieb.

Frank!“, sagte sie jetzt beinahe anklagend. „Das ist wirklich nicht witzig. Was ist los? Bist du befördert worden? Oder hast du es geschafft, endlich eines deiner grausigen Bilder zu verkaufen?“ Sie blickte sich in dem geräumigen Wohnzimmer um, an dessen Wänden mehrere leinwandgroße Bilder hingen, die man mit viel Wohlwollen unter dem Begriff „abstrakte Kunst“ zusammen fassen konnte. Eigentlich waren sie ein Wirrwarr aus Farben, mal in einem Strudel, mal mit klaren Linien getrennt, einige ineinander verlaufend. Frank betonte immer wieder, sie seinen sein Lebenswerk, und ohne sie würde er verrückt werden, und das glaubte seine Frau ihm tatsächlich—die Farben, die er sah, schon seit er ein kleines Kind war, bedrängten ihn manchmal allzu sehr, und wenn er sie nicht nieder malte, konnte es passieren, dass er rast— und ruhelos wurde, bis er nicht einmal mehr ruhig schlafen konnte. Sie hatte es schon sehr oft erlebt, vor allen Dingen, als ihre Ehe noch jung war und sie ihm verboten hatte, diese—für sie jeglichen künsterlischen Aspekt verfehlenden—Bilder zu malen.

Ich dachte einfach, es könne eine nette Überraschung werden. Was denkst du? Nicht gelungen?“ Sie drehte sich zu ihm um und schlang sanft die Arme um ihn, während sie ihr Gesicht in seiner Halsbeuge vergrub. „Es ist toll“, murmelte sie etwas undeutlich, und Frank zog ihren Kopf zu sich, um sie sanft zu küssen. „Aber ich verstehe immer noch nicht, was das soll.“

Ich hatte einfach so eine Idee“, antwortete Frank und nahm eine ihrer Hände von seiner Schulter, um ein paar Schritte mit ihr zu tanzen, bevor er wieder still stand. „Und ich dachte mir, dass ich sie schleunigst in die Tat umsetzen sollte. Möchtest du Musik hören?“

Bevor sie antworten konnte, hatte er sich aus der Halbumarmung gelöst und war zum Plattenspieler gelaufen. Er hatte ihn vor ein paar Jahren, als sie gerade einmal verlobt waren, auf einem Flohmarkt gesehen und sich sofort in ihn verliebt. Noch nie in seinem Leben hatte er so einen für sich gehabt—seine Eltern hatten einen alten, abgegriffenen besessen, der nur noch stockend spielte, egal, welche Platte man ihm auflegte. Irgendwann hatten sie beschlossen, ihn zu einem Antiquitätenhändler zu geben, und dann—er war damals erst 4 oder 5 gewesen—hatten sie keinen mehr gekauft.

Dieser war ein Prachtstück, alt und mit fast demselben nostalgischen Flair, den er sogar neben den modernen Geräten des 21. Jahrhunderts noch versprühte, allerdings funktionierte er noch einwandfrei. Frank hatte ein kleines Vermögen darin investiert, Vinylplatten zu kaufen, und jetzt wählte er zielsicher eine aus dem kleinen Schrank aus, der neben dem Spieler stand.

Du wirst ja völlig verrückt“, murmelte Beatrice schmunzelnd. „Man könnte meinen, du bist 60 und weinst dem alten Leben hinterher.“

Frank legte die Platte vorsichtig auf und drehte sich dann zu seiner Frau um. „Der alte Lebensstil führte noch keine Handys und kein Internet, deswegen weine ich ihm keine Träne nach. Ich hab alles, was ich brauche—und dich.“ Katrins dunkelblaue Augen, die in dem gedämpften Licht schwarz funkelten, verdrehten sich genervt, aber er konnte sehen, dass es nur gespielt war. Sie freute sich über seine Komplimente, egal welcher Art, egal wann, egal ob hastig auf einen Zettel gekritzelt, wenn er früh das Haus verlassen musste, oder nachts, wenn er sie aufweckte, nur um ihr zu erzählen, wie schön sie sei. Mit einem nicht unzufriedenen Lächeln musste Beatrice sich eingestehen, dass er ein ziemlicher Gentleman und Charmeur war—oder es zumindest vortrefflich zu spielen wusste.

Die leisen Töne, die erklangen, verrieten ihr, um welches Lied es sich handelte. „Was willst du heute noch mit mir anfangen, werter Herr?“, fragte sie mit einem Grinsen und trat näher auf Frank zu, der sie mit einladenden Armen anlächelte.

Zuerst einmal will ich tanzen, dann will ich essen und dann können wir meinetwegen zu Bett gehen.“

Um was zu tun, hmm?“, grinste sie, während sie sich in die Arme ihres Ehemanns schmiegte, der sie aber sogleich leicht von sich stieß und ihren Körper in eine Tanzposition brachte. „Das kommt auf die Betrachtungsweise an“, war die neckende Antwort, und dann begann er leise zu singen, während er sie im Takt mitwiegte.

Every time I see you, I wanna be with you, and every time I’m with you, don’t wanna let you go, no no no…“ Sie mochte seine Stimme, aber sie wusste auch, dass er sie nicht mochte und nur dann sang, um ihr einen Gefallen zu tun. Ihre Stimme sei sehr viel schöner, erklärte er ihr, sie duftete nach Honig und war ebenso weich, während seine Stimme ihn an fades Spülmittel erinnerte. Beatrice hatte über den Vergleich lachen müssen, selbst wenn es sein bitterer Ernst gewesen war.

Ich komme mir vor wie eine alte Dame, die von ihrem noch älteren Ehemann in ein Nobelrestaurant ausgeführt wird“, murmelte sie. Die Reaktion war nicht ganz erwartet; Frank sah sie erschrocken an und wand sich aus dem halblockeren Griff, nur um in den Flur zu verschwinden—ein paar Augenblicke später kam er allerdings zurück und sah sie entschuldigend an. Sein Lächeln war schüchtern, so wie es immer war, wenn ihm etwas peinlich war, und er kam zurück zu ihr. „Das Essen“, erklärte er mit einer leichten Resignation in der Stimme. „Ich sollte mich daran erinnern, dass so etwas tödlich ausgehen kann. Also, wo waren wir stehen geblieben?“

Beatrice lächelte leicht. „Ich fühlte mich gerade wie eine alte Dame mit einem alten Ehemann. Jetzt fühle ich mich eher wie eine Dame, die von ihrem Ehemann sitzen gelassen wurde.“

Frank lächelte noch einmal entschuldigend, seine Mundwinkel in dieser seltsamen Weise verdreht, die seine Frau so an ihm liebte, und zeigte auf die Kirschholzstühle. „Das Essen ist gleich fertig.“

Beatrice leistete seiner Aufforderung Folge und setzte sich an den Platz, der an der Wand war, ein von ihr schon immer bevorzugter Sitzplatz, den sie nur ungern aufgab.

Ihr Mann trat auf sie und gab ihr einen kurzen, süßen Kuss auf die Nasenspitze. „Was das andere angeht, du bist erst 32 und auch ich bin nur unwesentlich älter. Also beschwer dich nicht, sondern hoffe lieber, dass wir das alles noch in 30 Jahren so erleben werden, hmm?“

Der verschmitzte Blick, der ihm zugeworfen wurde, war Antwort genug, und er drehte sich auf dem Absatz um und ging in die Küche, um die Spaghetti vorzubereiten—sie mochten romantisch klingen, doch eigentlich waren sie eher aus der Not entstanden, nicht das geringste bisschen kochen zu können; und selbst bei diesen einfachen Nudeln betete er inständig, sie nicht, wie so oft, komplett in den Sand gesetzt zu haben.

Kurze Zeit später kehrte er mit dem Topf, so erschien es ihm am leichtesten, in der Hand zurück und stellte ihn auf den Holzbrettern, die schon auf der weißen Tischdecke bereit lagen, ab. Währenddessen beäugte er Beatrice misstrauisch, die sich kniend auf dem Boden nieder gelassen hatte und in einer betenden Haltung zum Boden blickte. Die goldene Kette, die er ihr zu ihrem 5. Hochzeitstag geschenkt hatte, baumelte von der Schwerkraft getrieben hinab, und der blutrote Stein, der an der Kette hing, verfing sich in ihren gefalteten Händen.

Was tust du da?“, fragte Frank amüsiert, während er sich auf seinen Platz—seiner Frau gegenüber—setzte. Beatrice war anscheinend noch nicht fertig mit ihrem seltsamen Gebet, denn ihre Lippen bewegten sich immer noch in einem stillen Gebet, und erst nach einigen Augenblicken bekreuzigte sich und stand wieder auf. Das Lächeln, das auf ihren Zügen lag, verriet ihm, dass seine Frau, eine geborene Atheistin, keineswegs gläubig geworden war.

Ich dachte mir, ich bete dafür, dass wir auch in 30 Jahren noch so sitzen werden. Hmm, das riecht gut.“ Sie beugte sich zu dem Topf und ergriff den Löffel, der in dem hoffnungslosen Wirrwarr Nudeln steckte, um sich eine Portion auf den Teller zu häufen.

Gut zu wissen, dass Herr Handmann Gott ist.“ Für einen Augenblick sah sie ihren Mann irritiert an, aber dann begriff sie, worauf er anspielte, da Handmann in der Wohnung unter ihnen lebte. „Eigentlich habe ich mein Gebet an den Teufel gerichtet. Er erschien mir schon immer…“—sie suchte nach dem richtigen Wort und schnippte ungeduldig mit dem Finger—“sympathischer als Gott. Außerdem mit mehr Existenzberechtigung. Irgendwo muss all das Böse in der Welt ja vereinigt sein.“

Und was ist mit all dem Guten der Welt?“ Frank nahm sich ebenfalls ein wenig von den Spaghetti und stellte mit Erleichterung fest, dass sie gelungen waren—sie waren sogar ziemlich gut, für seine bescheidenen Kochkünste. „Das ist nur eine Illusion, das gibt es gar nicht.“

Mit seiner Frau zu diskutieren war zwecklos, da sie erstens immer die besseren Argumente hatte und er ihr zweitens sowieso im Grunde seines Herzens zustimmte, also schwieg er und sah sich nach dem Plattenspieler um, der immer noch wie ein treuer Hund die Takte von „Everytime“ spielte. Es war sein Lieblingslied, vor allen Dingen deswegen, weil es im Laufe der Jahre immer mehr zu ihrem Lied wurde. Mit einem Kopfschütteln musste Frank sich eingestehen, dass er sich mittlerweile wirklich wie ein alter Ehemann verhielt. Das gedämpfte Licht, die knisternde Atmosphäre, Spaghetti—es fehlten nur noch die Geiger, die ausdruckslos am Tisch standen und ein langsames Liebeslied spielten. Und Rosen, die von einem schmierigen Verkäufer angeboten. Frank lachte leise und zuckte auf Katrins fragenden Blick nur mit den Schultern. „Ich habe mir nur gedacht, wie sehr ich dich liebe..“

Ich dich auch. Spinner.“




Diese Webseite wurde aus 100% handelsüblichen, chlorfrei gebleichten Elektronen aus nachhaltiger und artgerechter Haltung erzeugt.
Hinzugefügt wurden außerdem Stylesheets und Hypertext aus ökonomisch wertvollen Anbaugebieten.
Bei dem Aufbau der Webseite sind weder Tiere noch Menschen zu Testzwecken verwendet oder verletzt worden.
Diese Webseite unterstützt "Unglückliche Elektronen e.V.", Sammelstelle für unglückliche Elektronen aller Art aufgrund von Nutzungsmissbrauch.
Gratis bloggen bei
myblog.de