öhm ja Hintergrund

Acht — Leben


Kalter Zigarettenrauch. Aleksander hatte ihn schon immer gehasst. Seit er klein war, war ihm schlecht geworden davon. Seit sein Vater ihn ihm ins Gesicht gepustet hatte, dieses gottverdammte Arschloch. Und jetzt umwehte er ihn wieder, als wolle er ihn verspotten.

Na, Schwuchtel.“ Er kannte denjenigen hinter der Rauchwolke nicht. Wollte ihn nicht kennen.

Halt deine Schnauze.“ Aleksander stieß sich vom Zaun ab und wollte gehen. Der Typ hielt ihn fest. Er war fast noch kälter als dieser verdammte Zigarettenrauch.

Lass mich in Ruhe.“ Er schob den Typen von sich.

Wenn ich wofür mein Geld krieg, dann mach ich das auch.“

Er ließ nicht locker. Hielt ihn immer weiter fest und packte fester zu, so dass Aleksander die Lippen fest zusammenpressen musste, um nicht aufzuschreien.

Lass. Mich. In. Ruhe.“ Aleksander wollte gehen, aber der Typ zog ihn heftig zurück.

Also, entweder, du wehrst dich nich. Dann gehste mit nem blauen Auge nach Hause. Vielleicht zwei. Oder du wehrst dich und dann kannste froh sein, wenn de überhaupt nach Hause kommst. Was meinste?“

Aleksander schwieg und wollte einen Schritt nach vorne gehen.

Okay“, sagte der Typ hinter ihm. „Wolltest nich anders.“

Der erste Schlag tat richtig weh. Der Typ traf ihn am Hinterkopf, so dass er das Gleichgewicht verlor und nach vorne auf den Boden kippte. Er spürte die spitzen Steine unter ihm, wie sie sich in seine Hand bohrten, während er sich am Boden festhielt wie an einer Rettungsboje. Der Typ packte ihn grob an der Schulter und drehte ihn um. Schlug ihm ins Gesicht, dass er hören konnte, wie die Knochen sich verschoben. Seltsamerweise brachen sie nicht. Trotzdem spürte Aleksander, wie ihm das Blut aus der Nase lief, in seinen Mund. Er hielt ihn trotzdem geöffnet, um wenigstens Luft zu bekommen. Noch ein Schlag. Mittlerweile setzte sein Gehirn aus und er konzentrierte sich auf irgendeine schwachsinnige Melodie. Es brachte nichts, sich darauf einzulassen. Sich wegträumen war das Beste, das hatte er schon in seiner Kindheit gelernt.

Er bekam das alles nur noch halb mit, wie durch eine milchige Scheibe, wie der Typ ihm wieder und wieder ins Gesicht schlug, sein Blut über sein gesamtes Gesicht verteilte und seine Scheißzigarette auf ihm ausdrückte. Irgendwann merkte er, dass alles ruhig war. Nur noch ein Hauch Zigarettenduft lag in der Luft, oder vielleicht bildete Aleksander sich das auch alles nur ein. Wenigstens atmen konnte er noch. Alles andere schien unmöglich.

Eine Weile blieb er so liegen, im Dreck und in seinem Blut. Hier kam nie jemand hin. Ein einsamer Schlammweg, der nur zu einem verlassenen Bauernhof führte. Er konnte gefahrlos ein Weilchen liegen bleiben, ohne Aufsehen zu erregen.

Irgendwann versuchte er, aufzustehen. Er schaffte es tatsächlich.

Wieso hab ich eigentlich nicht wie alle Schwuchteln nen kleinen pinkfarbenen Taschenspiegel, um zu sehen, wie scheiße ich aussehe, dachte er missmutig und sah sich dann um. Niemand da, wieso auch. Wenn er sich jetzt beeilte, könnte er zu Hause sein, bevor Dominick es war. Der würde sich nur unnötig aufregen, und das konnte Aleksander jetzt nicht gebrauchen.

Was er wollte, war Ruhe.

Vor diesem Typen und seinen Schmerzen, die jetzt, wo er sich bewegte, fast übermächtig geworden waren. Vorsichtig, er zitterte noch immer, trat er die ersten Schritte und hielt sich zur Sicherheit am Zaun fest.


Irgendwie hatte er es nach Hause geschafft, unter den argwöhnischen Blicken der andern. Eine Mutter hatte ihr Kind schnell zu sich gezogen und war auf die andere Straßenseite gegangen. Was, noch nie jemanden gesehen, der gerade vermöbelt wurde, spöttelte er in Gedanken, wich aber trotzdem auf die Seitenstraßen aus, wo es ruhiger war. Jetzt stand er vor seiner Haustür und sah sich im verchromten Türknauf an. Er bot ihm eine grässliche Fratze, mit der er problemlos in jedem Horrorfilm auftreten konnte. Aleksander schüttelte den Kopf. Scheiß drauf. Er wühlte die Schlüssel aus seiner Hosentasche und steckte den kleinsten ins Schloss.


Dom?“, fragte Aleksander vorsichtig in den Flur hinein. Seine Chucks standen im Flur, also musste er da sein. Pech für ihn.

Hmm, hey, Aleksander. Moment.“ Das ihm nur zu vertraute Knarren der Küchentüre ertönte. Kurz darauf stand Dominick im Flur.

Als er Aleksander sah, wurde er weiß. „Aleksander!“ Er ging mit schnellen Schritten auf ihn zu, aber Aleksander wich aus.

Darf… darf ich erst mal ins Badezimmer gehen?“ Dominick hob eine Augenbraue. Er hasste es, nichts von Aleksander zu erfahren.

Klar“, sagte er dennoch.

Aleksander ging an ihm vorbei und stieß die Badezimmertür auf. Die zweite Tür von rechts, nicht die erste. Er hatte es oft genug falsch gemacht. Die Tür ließ er nur angelehnt. Mit solchen Sachen wollte er sich jetzt nicht aufhalten. Stattdessen ging er schnellen Schrittes auf den Spiegel zu. Der zeigte ihm einen Zombie, mit zugeschwollenen Augen, getrocknetem Blut und mehreren blauen, roten, grünen und gelben Flecken. Dass er es in so einem Zustand überhaupt nach Hause geschafft hatte, war ihm selbst unerklärlich. Aleksander seufzte und drehte den Wasserhahn etwas auf. Kaltes Wasser, das konnte er jetzt gut gebrauchen.

Während er sich ein wenig das Gesicht wusch, konnte er beinahe spüren, wie Dominick unruhig vor der Tür auf und ab ging. Er würde nicht hineinkommen, das tat er nicht, wenn er es ihm nicht erlaubt hatte; hatte er noch nie getan und würde er wohl nie tun.

Irgendwie gefiel ihm das.

Bitte, lass deine Kommentare“, murmelte Aleksander erschöpft, als er aus der Tür herauskam und sich an seinem Freund vorbeidrängte, der ihn festhielt. Natürlich. „Dom…“

Was ist passiert?“

Aleksander fuhr sich vorsichtig über das Gesicht und zog Dominick mit ins Wohnzimmer. Er setzte sich auf die Couch, Dominick direkt neben ihn. „Irgend so ein Typ hat mich vermöbelt. Nichts Schlimmes. Ehrlich nicht.“ Er schluckte. „Bin schon schlimmer verprügelt worden.“

Sein Gegenüber sah ihn besorgt an, bevor er hart zuschlug. Aleksander wich erschrocken einen Schritt zurück und wimmerte. Der war gebrochen, gebrochen, der Kiefer war gebrochen, war alles, woran er denken konnte. Der Schmerz ließ ihn fast in Ohnmacht fallen, aber er weigerte sich, dem nachzugeben. Sein Vater zündete er sich eine Zigarette an. Das tat er immer, wenn er stolz auf sich war. Er blies den Rauch genüsslich aus und sie beide sahen wie hypnotisiert zu, wie der Rauch sich in kleinen Spiralen drehte. Aleksander atmete ihn ein, musste ihn einatmen, bevor er ihm mit einem Stirnrunzeln antwortete.

Das war keiner, der dir nur eine reinhauen wollte. Der hat dich richtig vermöbelt.“ Vorsichtig fuhr er mit seinen Fingerspitzen über die blauen Flecke. Aleksander atmete scharf ein. „Ich… tschuldigung. Das sieht schlimm aus, du solltest zum Arzt gehen.“

Er schüttelte langsam den Kopf und zog seine Finger zurück. „Wirklich. Und danach direkt zur Polizei.“

Der Typ hat mir nichts geklaut oder so“, seufzte Aleksander und lehnte sich in der dunklen Couch ein wenig weiter zurück. Sie war kalt, aber angenehm kalt, genau das, was er jetzt brauchte.

Hat er irgendwas gesagt?“ Dominick stupste seinen Freund vorsichtig an, als er nicht direkt reagierte. „Hat er was gesagt zu dir?“
Aleksander zuckte mit den Schultern. Er wollte, konnte sich nicht erinnern. Mit einem mulmigen Gefühl dachte er daran zurück, was der Mann ihm gesagt hatte, bevor das sinnlose Zusammenschlagen losging. Er war schon immer gut darin gewesen, solche Momente aus seinem Leben auszublenden. Sie einfach zu vergessen.

Er hat… irgendwas von Schwuchtel gesagt… wenn ich mich nicht wehren würde, würd’s mir besser gehen… und dass… dass er was tut, wenn er dafür bezahlt wird.“

Seine Stimme war leise und flehend. Er wollte nicht drüber reden. Es würde nichts an den Tatsachen ändern. Und es half ihm nicht im Geringsten. Vielleicht fühlten andere sich besser, wenn sie drüber redeten. Aleksander nicht. Er zog es vor, sein Leben weiterzuleben.

Dominick schwieg, als würde er es ahnen. Er kannte ihn schon lange genug; wusste genau, wann man reden konnte und wann nicht.

Sein Vater hatte es nicht gewusst. Offensichtlich nicht. Was er ihm alles an den Kopf geworfen hatte, Aleksander wusste es nicht, als er sich im Badezimmer verkroch und würgend über der Toilettenschüssel hing. In seinem Kopf spielte immer wieder die gleiche Melodie. Das Schlaflied, das seine Mutter ihm immer vorgesungen hatte, als er noch kleiner war und sie noch am Leben, hallte durch seinen Kopf und wollte nicht verschwinden. Es war immer da. Immer bei ihm, wenn sein Vater ihn wieder verprügelte. Wenn sein Vater einen nicht existenten Grund aus der Luft fischte. Wenn sein Vater betrunken nach Hause kam oder sich zu Hause betrank.
Es klopfte an der Badezimmertür, hart, unnachgiebig. Aleksander wimmerte und schloss die Augen. Es geht weg, es muss weg gehen,
er muss weg gehen, dachte er, aber sein Vater tat es nicht. „Schwuchtel!“, tönte Dominicks Stimme auf einmal zu ihm hindurch. Er hatte mit ihm geredet, offensichtlich. „Du solltest es wirklich irgendjemandem erzählen.“

Aleksander stand vorsichtig auf und ignorierte die Sternchen, die vor seinem Kopf kreisten. Er hatte früher immer gedacht, die Comicbilder wären nur ein Stilmittel. Aber wenn man fest genug zusammengeschlagen wurde, sah man blinkende Lichter. Oft genug hatte er es schon erlebt, erleben müssen.

Lassen wir den Typen einfach in Ruhe. Er—er kriegt sein Geld für was auch immer, und ich bin glücklich.“

Sehr glücklich“, antwortete Dominick zynisch, blieb allerdings auf der Couch sitzen und verfolgte seinen Freund mit unruhigen Blicken. Er ging im Wohnzimmer hin und her, hin und her. Bis er, so hoffte er, alle negativen Gedanken abgeschüttelt hatte. Es würde nicht passieren. Aber es war so eine schöne Vorstellung…

Meinst du… dein Vater war’s?“ Aleksander zuckte zusammen. Es war schon oft passiert, dass er Leute zu ihm geschickt hatte, die ihn vermöbeln sollten. Zu seinem eigenen, persönlichen, perversen Vergnügen. Aber nicht, seit er erwachsen war. Eigene Entscheidungen treffen konnte. Und 600 Kilometer weit weg gezogen war.

Mein Vater ist tot“, murmelte er und setzte sich abrupt wieder auf die Couch. Dominick strich ihm mitfühlend die Haare aus dem Gesicht, darauf bedacht, ihm nicht weh zu tun. „Für dich vielleicht“, antwortete er und grinste selbstgefällig. „Für dich vielleicht“, wiederholte er. „Aber du kriegst mich nicht. Verstanden? Ich bin der große, böse Wolf und du das kleine Schaf, das sich in einen Wolfspelz hüllt.“ Andersrum, der Vergleich geht andersrum, dachte Aleksander verzweifelt. „Weißt du, was mit solchen Schafen passiert? Ihnen wird die Wolfshaut abgezogen und dann werden sie von den Wölfen gegessen. Willst du das?“ Er schüttelte mechanisch den Kopf, bevor er einen Schritt auf seinen Vater zuwagte. „Du kannst nicht immer gewinnen. Im Grunde hast du nie gewonnen. Nie, in deinem ganzen, beschissenen Leben hast du gewonnen“, sagte er mit zitternder Stimme. Es kann nicht immer so weitergehen. Nicht für immer. Aber das wird es. Das Leben endet erst mit dem Tod. Und die Qualen enden erst, wenn das Leben endet. Er hatte lange mit sich ringen müssen, welches Leben enden sollte. Hatte die klamme Pistole in seinen Händen gehalten und sich vorgestellt, eine Kugel durch seinen Kopf zu jagen. Unter einem Tränenschleier hindurch hatte er abgedrückt und daneben gezielt.
Man darf sein Ziel nicht verfehlen, dachte er und
sah sein Gegenüber besorgt an. „Du bist mit den Gedanken woanders, oder?“

Aleksander zuckte mit den Schultern. „Ich glaube, ich bin genau da, wo ich sein soll.“

Er schluckte. Es würde niemals aufhören. Niemals. Alles, was er tun konnte, war damit zu leben—oder damit zu sterben. Aus seinen Lippen tröpfelte ein bisschen Luft, sein Gesicht tat weh, sein gesamter Körper tat weh. Er lebte. Es hatte keinen Sinn, der „allmächtige Gott“ hatte nichts Größeres mit ihm vor. Außer, zu erkennen, dass Leben Leiden ist.

Dass man dem nicht ausweichen kann. Dass man es bekämpfen kann schon gar nicht. Man kann nur damit leben, und wenn man es nicht kann—kann man nur sterben.

Die Pistole lag immer noch in der hintersten Ecke des Schranks. Dominick sah ihn besorgt an, als wüsste er, was vor sich geht. Wusste er wahrscheinlich auch.

Hmm“, murmelte er und fuhr vorsichtig über Aleksanders Wunden. „Du bist genau da, wo du sein solltest. Hier. Nicht in der Polizeiwache oder im Krankenhaus oder bei deinem Vater. Genau hier.“




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