öhm ja Hintergrund

Sechs — Für die Familie



Das Klirren von hektisch aneinander stoßenden Sektgläsern, die vergilbte Tapete verschleiert vom Rauch, das schwere, blumige Parfüm, der schale Nachgeschmack von Alkohol, der einfach nicht weggehen wollte. Bereiteten ihm Übelkeit.

Marcus konnte die Lügen und das falsche Gelächter nicht mehr ertragen. War auf den Balkon geflüchtet. Der helle Sommerhimmel mit seinen unzähligen Sternen war seltsam beruhigend. Wie gerne er sich auf den kalten Boden gelegt, alle Viere von sich gestreckt wie ein toter Wolf, und einfach nur die Wolken angesehen hätte. Er würde niemals fertig werden, sie alle zu sehen und zu erfassen, und ewig weiter dort liegen, ohne Hunger, ohne Durst — und vor allen Dingen ohne die parfümierte Masse, die nur durch die Glastür von ihm getrennt war.

Wenn er jetzt den Mut fassen und abhauen würde, einfach die Brüstung hinunter, in das Dornengebüsch, es wäre ihm egal, wie sehr sein teurer Anzug zerkratzt werden würde. Die Straße hinunter, vielleicht auf den Rathausplatz, er könnte einsam seine Runden auf dem klapprigen Fahrrad drehen, dass niemandem gehörte und seit Jahrzehnten am Brunnen stand.

Ein Schwall warmer Luft ließ ihn sich umdrehen. Genauso verknittert und alt wie die Tapete in dem Wohnzimmer war das Gesicht, das er erblickte. Wenn da nicht die Augen wären. Die Tapete hatte keine stechend blauen Augen, die immer mehr sahen als sie konnten. Selbst wenn er mehr als einmal das Gefühl hatte, beobachtet zu werden durch die Raufaser.

Komm mit rein, es ist doch kalt hier draußen, Junge.“

Vielleicht war seine Großmutter die Einzige gewesen, die Marcus gemocht hatte, die ihn gemocht hatte. Er hatte eine besondere Verbindung zu ihr gehabt, die zwar geschwächt, aber nicht verloren gegangen war. Während sie ihre altmodische Strickjacke ein wenig fester um ihren mittlerweile zerbrechlich gewordenen Körper schlang, konnte er nicht umhin, sich an die vielen Stunden zu erinnern, die er in ihrem Garten verbracht hatte, als seine Eltern arbeiten gewesen waren. Oder sonst wie beschäftigt. Die grob gestickten Blüten auf der Jacke erinnerten ihn an die unzähligen Blumen, um die er sich gekümmert hatte. Ihre Namen waren ihm schon längst entfallen, nur an ein paar konnte er sich noch erinnern. Sonnenblumen natürlich, Rosen, ein paar Kakteen, als er noch kleiner war, weil sie nicht so viel Pflege brauchten. Chrysanthemen, Vergissmeinnicht…

Eine knochige Hand direkt vor seinen Augen unterbrach seine Gedanken. „Ich glaube, du bist mit deinen Gedanken weit, weit weg, was?“ Ihr Lachen war warm und kam vom Herzen, eine willkommene Ausnahme in der falschen Welt seiner Verwandtschaft. Er schüttelte den Kopf und versuchte ein halbherziges Lächeln, das wohl eher an einen Hund, der die Lefzen hochzog, erinnern musste.

Ich komme gleich. Einen Moment,“

Sie nickte und stützte sich auf dem dunklen Stock ab, der seit Wochen, Monaten ihr Wegbegleiter geworden war. Die Balkontür war noch offen, und er konnte sich vorstellen, wie sie sich jetzt über den kalten Wind mokierten.

Marcus mochte die Kälte. Sie zeigte ihm, dass er noch existierte. Sie ließ seinen Puls rasen, damit sein Körper mehr warmes Blut transportieren konnte, sie ließ ihn zittern, bis er ganz sicher sein konnte, dass er noch am Leben war. Und der Wind, der war so etwas wie das Sahnehäubchen. Je kräftiger der Wind, desto kälter war es in seinem Windschatten, desto besser fühlte er sich.

Mit einem Seufzen lehnte er sich über die Brüstung. Es waren ein, vielleicht zwei Meter bis zum Boden, der überwuchert war von Unkraut voller Dornen. Ein paar wahnwitzige Stängel reichten bis hoch zum Balkon und drängten sich in jede Ritze, die der Stein ihnen gab. Sie erinnerten ihn ein wenig an seine Rosen, die er früher gepflegt hatte. Ebenfalls voller Dornen, und sie wuchsen ebenfalls hoch hinaus. Bis man Schnitte in seine Finger hinnehmen musste, um wirklich an die Blüte zu gelangen. Die Knospen in seiner Hand war Belohnung für all den Schmerz gewesen.

Er wusste nicht, was ihn leitete, als er eine Dorne unsanft abriss und vorsichtig die Falten in seiner Hand damit nachzeichnete. Es tat nicht weh, auch nicht, als der erste, tiefrote Blutstropfen langsam seine Handinnenfläche hinunter glitt.

Ein zweiter Blutstropfen, ein Dritter. Nichts Ernstes, nichts, was irgendeinen Schaden verursachen könnte. Trotzdem, seine Mutter würde durchdrehen, wenn sie es sehen würde. Er seufzte, wischte sich das Blut vorsichtig an der dunklen Hose ab und warf die Dornen wieder zurück in das Unkraut.


Es war schlimmer, als er erwartet hatte. Am liebsten hätte er sich wieder umgedreht, aber die erwartungsvolle Haltung, die seine Mutter aufsetzte, als sie ihn erblickte, hinderte ihn daran. Mit einem, wie er hoffte, möglichst grimmigen Gesichtsausdruck setzte er sich an den Tisch, neben seine Cousine Emma, eine etwas komisch wirkende Endzwanzigerin, die wenigstens noch nie etwas gegen ihn gesagt hatte. Sie hielt ihren Sohn Derek im Schoß, der ihn mit seinen winzigen Zähnchen vorwitzig angrinste. Er grinste sowieso immer, als wüsste er allein mit seinen 2 Jahren einen wahnsinnig guten Witz, den er sich immer und immer wieder erzählte.

Marcus streckte eine Hand nach der kleinen Miniaturausgabe eines Menschen aus — er hatte Kinder schon immer gemocht — und prompt kletterte Derek auf seinen Schoß. Ein paar seiner Verwandten, die auch bereits am Tisch saßen, sahen die Szenerie missbilligend an, aber das war ihm egal. Emma grinste und wandte sich Marcus provokant zu.

Du wärst bestimmt ein guter Vater. Was meinst du, Mama? Wär er doch, oder?“ Seine Tante setzte ein falsches Lächeln auf und trank erst einmal einen Schluck Kaffee. „Ich bin mir sicher, er hat … Vaterqualitäten, wenn er sie auch nutzen würde.“ Marcus ignorierte die Lügen und versteckten Vorwürfe, die sie ihm da gnadenlos aufgetischt hatte.

Überhaupt, diese ganze Versammlung schmeckte nach Lügen. Lügen und Falschheit und Ignoranz und Intoleranz. Die bösen Wölfe im Schafpelz, oder in diesem Falle eher in einem „schicken“ Kleid oder Anzug. Wie sehr er sich darauf freute, irgendeinen fadenscheinigen Grund zu haben, das Haus zu verlassen und sie alle allein zu lassen. Damit sein Verstand nicht noch mehr Schaden nahm, als er jetzt schon tat.

Sein Vater kam mit einem riesigen Tablett Rinderbraten aus der Küche und stellte ihn stolz grinsend in die Mitte des großen Tisches. „Essen! Alle bitte an den Tisch. Und wer bereits sitzt, darf ruhig dort bleiben.“

Ein paar seiner Tanten, Onkel, Cousinen, was auch immer sich in diesem Zimmer tummelte, lachten als Antwort, und Marcus fühlte, wie ihm schlecht wurde. Einzig und allein das vertrauensselige Gesicht Dereks, der gerade die Manteltaschen seines Anzugs inspizierte, hielt ihn davon ab, den Tisch zu verlassen und im Badezimmer zu verschwinden.

Soll ich ihn fürs Essen nehmen?“, fragte Emma. Marcus schüttelte den Kopf, während er Derek daran hinderte, ein Taschentuch aus seiner Jacke heraus zu holen. „Wenn’s dir nichts ausmacht — ich esse sowieso nicht viel.“

Du meinst, du gehst bald.“ Er zuckte mit den Schultern. „Vater wird mich umbringen, wenn ich’s mache. Ich weiß noch nicht.“

Emma lächelte mitleidig. „Noch ist es ja noch nicht so schlimm.“ Sie wollte weiter reden, aber ihre Mutter, die sich neben sie setzte, hinderte sie daran. Mit einem Küsschen auf die Wange begrüßte sie sie, und Marcus war erst einmal vergessen. Nicht, dass es ihm etwas ausgemacht hätte. So konnte er wenigstens die Versammlung in Ruhe beobachten.

Nachdem er sich an das Parfum und die Lautstärke gewohnt hatte, sah er sich am Tisch um. Wirklich jeder aus seiner Verwandtschaft war gekommen. Seine zwei Tanten mit ihren Männern, die vier Onkel, seine Großeltern, die unzähligen Kinder, die alle hervorgebracht hatten. Und es gab außer seiner Oma und Emma niemanden, der ihm nicht scheißegal wäre. Irgendwie war dieser Gedanke tröstlich, und als ihm unsanft ein Stück des Bratens auf den Teller geworfen wurde, konnte er sich fast amüsieren über diese Gesellschaft, die nichts tun konnte außer trinken, essen und lügen.

Als allerletztes kam seine Mutter an den Tisch, gehetzt, selbst wenn sie es zu verbergen versuchte. Sie hielt ein paar Flachen Wein in ihren Händen und machte sich daran, sie fachgerecht aufzuteilen unter den gut 25 Mann, die bereits erwartungsvoll dem Wein entgegen blickten. Ein paar hatten bereits ihre Zigaretten angezündet, und der dünne Rauch stieg in kleinen Kreisen in die Luft wie ein Warnsignal.

Als sie fertig war — Marcus hatte sie keinen angeboten — setzte sie sich ihrem einzigen Sohn gegenüber und lächelte ihm zu. „Na, Marcus. Mein Schatz. Du solltest wirklich öfter kommen, was meinst du?“

Der Angesprochene lächelte ebenso falsch zurück: „Ich glaube, ich habe viel zu viel mit meinen bösen Freunden zu tun. Nächstes Jahr vielleicht. Dieses Jahr muss ich erst einmal mit Jamie —“

Ist schon gut. Dann nächstes Jahr!“, unterbrach sie ihn hastig. Ihre Stimme war hoch und piepsig geworden, und ihre Knöchel wurden weiß, weil sie die Weinflasche fest umklammert hielt. „Es läuft ja nicht weg. Du hast viel zu tun, ja, verständlich, ich — ich trink jetzt erst einmal was, nicht wahr?“

In solchen Momenten tat sie ihm fast leid, seine Mutter, die ihr ganzes Leben lang das getan und geglaubt hatte, was sein Vater ihr aufgetischt hatte. Immer auf Harmonie bedacht, und ihr Gesicht war nur zu deutlich gezeichnet von den vielen Malen, bei denen sie gescheitert war. Obwohl sie erst 50 war, hatte sie fast nur noch graue Haare, und ihre Augen waren trüb. Sie tat ihm fast leid. Aber nur fast.

Als die Meisten ihr erstes Glas schon ausgetrunken und Marcus dabei geflissentlich ignoriert hatten, erhob sich auf einmal sein Vater, der bis dahin nur stumm neben seiner Frau gesessen hatte. Mit einer feierlichen Stimme und einem noch ernsteren Gesicht begann er, zu sprechen.

Wir wollen diesen Tag nicht ohne eine Ansprache angehen — nicht wahr —, also hier ist sie: für meine liebe Marita, die sich die letzten, gut 30 Jahre aufopferungsvoll um mich und die ganze Familie gekümmert hat, und die sich von einigen Schicksalsschlägen nicht aus der Bahn hat werfen lassen“ — sein Blick ruhte einen Moment zu lang auf Marcus — „und dafür mit einem runden Geburtstag belohnt wird. Alles Gute zum 50ten, Schatz.“ Er beugte sich zu Marcus’ Mutter hinunter und gab ihr einen verhaltenen Kuss. Die Menge klatschte, doch kurz darauf war ihre Aufmerksamkeit schon wieder beim Essen. Seine Mutter tat so, als bemerkte sie es nicht, aber ihr verzweifelter Gesichtsausdruck verriet sie nur allzu deutlich.

Marcus widmete sich nicht allzu sehr dem Braten, sondern passte vielmehr darauf auf, dass Derek sich benahm, und ignorierte die übrigen Anwesenden. Dass er bei dem 50ten Geburtstag seiner Mutter dabei sein musste, war ihm klar gewesen, und er hatte sich sogar vorgenommen, das Fest in aller Stille und mit einem Lächeln zu begehen. Spätestens seit seinem kleinen Ausrutscher mit Jamie und dem darauf folgenden Gesichtsausdruck seiner Eltern hatte ihm allerdings gezeigt, dass er für nichts garantieren konnte. Also schwieg er, um gar nicht erst auf den Geschmack zu kommen.

Indem er nur belanglos in seinem Essen herumgestochert hatte, zog er die Aufmerksamkeit seiner Großmutter auf sich. Sie saß ein paar Plätze neben seiner Mutter und unterhielt sich mit ihrem Sohn, Marcus’ Onkel, aber ihr Blick schweifte nur allzu oft in Markus’ Richtung. Wenn sie sich unbeobachtet fühlte, zwinkerte sie leicht und bekundete ihm — wohl als Einzige bei dieser Farce aufrichtig — ihr Beileid.

Na, Marcus. Wie geht’s Jamie?“, fragte sie schließlich, als ihr die Gesellschaft ihres Sohnes offenkundig zu langweilig wurde. Mit einem Schlag war der Tisch ruhig. Nur die Jüngsten, Derek, Maria, Cheyenne und Frederik, die zwischen 2 und 9 Jahre alt waren, hatten nichts verstanden und machten fröhlich weiter. Marcus schluckte und lächelte seine Oma tapfer an. „Ihm geht’s super“, antwortete er. „Hat gerade sein zweites Semester abgeschlossen und einen besser bezahlten Aushilfsjob bekommen. Wenn es passt, will er in ein paar Monaten in eine nettere Wohnung.“

Die Augen seiner Großmutter glänzten, als sie ihren Blick über den Tisch schweifen ließ. Marcus’ Mutter faltete scheinbar abwesende ihre Serviette, und sein Vater konnte das Zittern seiner Hände kaum verbergen. Die übrigen Anwesenden versuchten krampfhaft, ein neues Gespräch anzufangen, und scheiterten kläglich.

Ihr müsst mich unbedingt mal besuchen kommen. Ich hab ihn schon so lange nicht mehr gesehen, und du lässt dich auch gar nicht mehr blicken.“ Sie zwinkerte und Marcus konnte sich ein Grinsen nicht mehr verkneifen. „Es gibt bestimmt noch ein paar Blumen, die auf ihren ehemaligen Besitzer warten.“

Bestimmt“, sprach auf einmal sein Vater. „Wenn du Marcus jetzt bitte entschuldigen würdest, Schwiegermutter, er könnte mir ganz gut in der Küche helfen. Kommst du, bitte?“

Der Ton seines Vaters war so bestimmt, so mühsam beherrscht, dass Marcus keine patzige Antwort gab, sondern einfach nickte. „Wir sind in der Küche und bereiten das Dessert vor. Damit Marita ein bisschen entspannen kann. Entschuldigt uns bitte.“

Wie ein Gefangener führte sein Vater ihn ab, den Flur hinunter, am Badezimmer vorbei, bis sie schließlich in der hellen Küche standen. Marcus schluckte. Er hatte es zu weit getrieben, befürchtete er, und er behielt Recht.

Was maßt du dir an, einfach so über deine Freunde sprechen zu können! Was du und dein Jamie, was ihr in eurer Freizeit treibt, interessiert keinen hier am Tisch. Es ist der Geburtstag deiner Mutter, und du verhältst dich wie ein Platzhirsch.“

Sein Vater war puterrot angelaufen und konnte sich nur mühsam im Zaum halten, nicht laut los zu schreien. Die Wände waren dünn und eine Entgleisung vor seinen Verwandten wollte, konnte er sich nicht leisten. „Ich sag dir eins, Junge, noch ein Wort über dich und — du wirst es bereuen. Das ist dein Zuhause, deine Familie, erweis ihr mal ein bisschen mehr Respekt!“ Er schnappte nach Luft und krallte sich an der Tischplatte fest.

Marcus schüttelte den Kopf und lehnte sich gegen den Kühlschrank. Scheinbar lässig, selbst wenn es in ihm brodelte, antwortete er. „Ich bin hier geboren. Mehr nicht. Wenn ihr meine Familie seid, verbietet mir nicht den Mund. Und wenn das hier mein Zuhause ist, dann würd ich gern mal wissen, warum es mich nicht kennt.“

Ein leises Schnauben entkam seinem Vater, bevor er es zurückhalten konnte. „Du bist noch schlimmer, als ich gedacht hatte“, murmelte er, während er sich fieberhaft in der Küche umsah, auf der Suche nach etwas, das er mit an den Tisch nehmen konnte, um die Schelte mit Marcus weniger offensichtlich zu machen. „Nimm das und bring es an den Tisch“, sagte er schließlich und stieß ihm eine Flasche Wein gegen die Brust.

Warum sollte ich?“ Seine Stimme klang fest, als er den Wein langsam aus seiner Hand gleiten ließ. Mit einem Klirren stieß die Flasche auf dem Boden auf und zerbrach in ihre Einzelteile. Seinem Vater blieb die Luft weg, während er auf die Scherben und die rote Flüssigkeit blickte, die langsam über die Fliesen sickerte.

Ich gehe“, murmelte Marcus, auf einmal nicht mehr so selbstbewusst, und stürzte aus der Küche hinaus. „Es ist der Geburtstag deiner verdammten Mutter!“, rief sein Vater ihm hinterher, aber er ignorierte es. Am liebsten wäre er direkt hinaus gestürmt, aber er hatte seine Jacke vergessen. Also ging er mühsam beherrscht in das Wohnzimmer zurück. Seine Mutter sah ihn traurig an, und er wusste sofort, dass er nicht wieder kommen würde. Nicht wieder kommen konnte.

Cheyenne und Frederik rangelten auf der Couch, auf der seine Jacke lag. Er näherte sich den beiden Kindern und lächelte sie an, während er vorsichtig seine Jacke unter Frederiks dünnen Beinchen hervorzog. „Wohin gehst du?“, fragte Cheyenne. Marcus zuckte mit den Schultern. „Ich muss weg. Habe noch einen Termin. Erwachsenensache, ihr versteht.“ Er zwinkerte den beiden mit einer gefälschten Fröhlichkeit zu, und die beiden Geschwister fingen an, bis über beide Ohren zu grinsen.

Erwachsenensache“, wiederholte Cheyenne mit ihrer süßen, nuschelnden Stimme. Marcus wäre gerne noch länger geblieben, nur der kleinen Geschwister und der beiden anderen Kinder wegen, aber er konnte die bohrenden Blicke vom Tisch nicht mehr ertragen. Er drehte sich auf dem Absatz um und nickte der versammelten Verwandtschaft nur kurz zu, bevor er das Wohnzimmer verließ.


Im Flur konnte er das Fluchen seines Vaters hören, der die Scherben aufsammelte; er versuchte, es so gut es ging zu ignorieren, und steuerte stattdessen direkt auf die Tür zu. Bevor er jedoch hinausging, hielt ihn eine sanfte Stimme zurück.

Marcus.“ Er drehte sich um und sah seine Großmutter. Ihre Augen blickten ihn traurig an, und vielleicht realisierte er erst da, was das alles hier bedeutete. „Es hätte nicht sein müssen, hmm?“ Da er nicht genau wusste, was sie meinte, die Familienfeier, sein Verhalten, das Verhalten seiner Familie, schwieg er.

Ich… kann nicht mehr. Das ist — sieh sie dir an. Alles, was sie wollen, ist den perfekten Sohn, und nur, weil ich — “

Du bist perfekt.“ Sie lachte ihr dunkles Lachen. „Die können es einfach nur nicht sehen. Weißt du, manchmal schäme ich mich, dass ich solche Kinder habe. Aber sie sind trotzdem noch meine Kinder.“ Marcus nickte und spürte, wie ihm Tränen in die Augen stiegen. Er war noch nie sonderlich weinerlich gewesen, aber… er konnte nicht genau sagen, was jetzt seine Augen feucht werden ließ.

Trotzdem kommst du noch ab und an bei mir vorbei, oder? Bring Jamie ruhig mit.“ Sie brauchte keine Antwort. Als er sich umdrehen wollte, hielt sie ihn noch kurz zurück. „Was hast du eigentlich hier verloren?“, fragte sie sanft und machte eine ausladende Handbewegung zum Wohnzimmer.

Meine Kindheit, fürchte ich.“ Eine Weile sagte keiner etwas, nur ihre Augen trafen sich. Irgendwann konnte er es nicht mehr aushalten und nahm vorsichtig die dünne Hand seiner Großmutter von seinen Schultern. Schneller, als er es ich zugetraut hätte, überwand er blindlings die letzten Schritte zur Haustür.

Als er die Haustür aufstieß und herausstürmte, hielten ihn zwei Arme fest. „Marcus. Marcus!“ Er blinzelte und sah seinem Gegenüber in die Augen. Zum ersten Mal, seit er in diesem Haus gefangen war, sah er jemanden wirklich an.

Jamie“, flüsterte er. „Was zum Teufel machst du hier?“ Der Angesprochene zuckte mit den Schultern. „Hatte so ein Gefühl.“

Gutes Gefühl…“ Die beiden sahen sich ein paar Sekunden an, bevor Jamie schließlich das Schweigen brach. „Ich bring dich nach Hause.“




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