öhm ja Hintergrund

Fünf — Weiße Farbe


Der kleine Spielplatz war fast vollkommen leer. Der Sandkasten war verlassen, die Rutsche unbesetzt, das kleine Holzpferd schaukelte alleine im Wind, und die verrosteten Schaukeln schwangen ebenfalls ohne ein Kind hin und her.

Es war 5 Uhr, und es dämmerte leicht, als Cheyenne und Frederik ihren Weg zum Spielplatz machten. Ihre Eltern waren ausgegangen, den ganzen Tag, und ließen die beiden 7Jährigen alleine. Seit ihrem 5. Geburtstag waren ihre Eltern der Meinung gewesen, ihre Kinder bräuchten keinen Babysitter mehr; und was sie in ihrer freien Zeit taten, war ihnen nur zu oft egal.

Die beiden taten nie etwas Verbotenes, sie gingen nur auf den Spielplatz. Er lag fast direkt neben ihrem Haus, das ihnen zu groß war, wenn sie beide alleine waren. Dass er verlassen war, lag schlicht und einfach daran, dass es in ihrer Gegend kaum Kinder gab — es war eine Gegend für reiche Karriereleute, die in ihrer freien Zeit ausspannen wollten. Die beiden Zwillinge wurden des Öfteren schief angesehen, wenn sie auf dem Bürgersteig spielten oder gar noch einen Mitschüler einluden.

Der Spielplatz war fast zu einem zweiten Zuhause geworden. Sie saßen oft auf der Rutsche, eng aneinandergekuschelt, oder schaukelten zusammen auf dem trostlosen Holzpferd. Heute hatten sie etwas ganz Besonderes vor. Nachdem ihr neues Zimmer gestrichen worden war, hatten sie noch einen Eimer weißer Farbe übrig. Sie hatten nicht miteinander geredet, sondern direkt gewusst, was sie wollten. Zusammen schleppten sie den schweren Eimer bis zum Spielplatz. Cheyenne hatte ein paar Pinsel mitgebracht, und Frederik das nötige Grundwissen. Er war mit Feuereifer dabei gewesen, als ein Maler sich der Sache angenommen hatte und dem Zimmer den letzten Schliff verpasst hatte.

Heute wollten sie das Gleiche mit ihrem ganz persönlichen „Zimmer“, dem Spielplatz, machen.

Die beiden Geschwister waren ganz außer Atem und hatten rote Wangen von der Anstrengung, die Farbe zu tragen. Trotzdem grinsten sie über das ganze Gesicht. Das Holzpferd sollte zuerst dran sein. Die grüne Farbe blätterte ab und offenbarte das morsche Holz, und wann immer man darauf saß, konnte man sicher sein, ein paar grüne Lacksplitter in seiner Kleidung zu haben.


Was genau sie tun sollten, wussten sie nicht genau, also öffneten sie einfach den Deckel und tauchten den Pinsel hinein. „Und jetzt“, murmelte Frederik fachmännisch. „Streichen wir und dann — müssen wir warten, bis es getrocknet ist. Dann streichen wir die Schaukel und die Rutsche — und den Sandkasten.“

Da ist doch aber Sand drin!“, antwortete Cheyenne. „Können wir den Sand auch anstreichen?“

Natürlich.“ Frederik war sich nicht sehr sicher, aber er wusste, dass viele Erwachsene logen, um ihren Willen durchzubekommen. Warum konnte er das nicht auch tun? „Wir streichen den Sand auch. Aber nicht alles. Nur oben rum.“

Das Holzpferd sah sie ausdruckslos an, als sie vorsichtig mit dem Pinsel über den hölzernen Sattel fuhren. Die Farbe tropfte hinunter und auf die Kleidung der beiden, und Cheyenne kreischte erschrocken auf, als ein weißes Rinnsal ihre Bluse hinunterlief.

Ihr Zwillingsbruder lachte und strich das Pferd weiter an. Sie überlegte einen Moment, ob sie beleidigt sein sollte, aber als er ihr dann schließlich vorsichtig einen anderen, kleineren Pinsel reichte, verzieh Cheyenne ihrem Bruder und half ihm weiter.

Die Straße war menschenleer. Fast alle waren noch bei der Arbeit, niemand achtete auf die beiden Kinder, die mit Feuereifer die dickflüssige Farbe auf dem Pferd verteilten, bis es vor Nässe triefte und sowohl die Geschwister als auch das Gras unter ihnen in Weiß getüncht waren. Eine Stunde war so vergangen, und es wurde langsam dunkel. Das Pferd, ganz in Weiß, glänzte in der untergehenden Sonne wie ein Engel, und Cheyenne beschloss, es von jetzt an so zu nennen.

Das haben wir gut gemacht“, meinte Frederik und umarmte seine Schwester. Die beiden Zwillinge hielten einander für ein paar Minuten schweigend, während sie stolz ihr Werk betrachteten. Das war so viel schöner als spielen mit Barbiepuppen oder kicken auf dem Rasen. Oder steifes Mensch-ärgere-dich-nicht-Spielen mit der mürrischen Babysitterin, die sie im zarten Alter von 3 Jahren schon dazu gezwungen hatte, das Spiel zu spielen.

Cheyenne und Frederik hatten schon immer viel zusammen gemacht. Seit ihre Eltern nie da waren, hatten sie nur sich selbst, und gelernt, damit zu leben. Unzertrennlich, seit Frederik Cheyenne in den Arm genommen hatte, als sie vor mehreren Jahren — den beiden erschien es eine Ewigkeit — hingefallen war und sich das Knie aufgeritzt hatte. Und das hier erschien ihnen wie die Krönung. Dieses weiße, tropfende Ungetüm, das sie zusammen bemalt hatte, war das Schönste, was sie sich derzeit vorstellen konnten.

Frederik spürte, wie der Kopf seiner Schwester langsam auf seine Schulter fiel. Sie war kurz davor, einzuschlafen, und auch er fühlte, wie die Müdigkeit ihn langsam übermannte. „Wann können wir wieder darauf spielen?“, fragte Cheyenne irgendwann schläfrig.

Wenn es getrocknet ist.“ Frederik meinte, sich erinnern zu können, dass es lange dauerte. Jedenfalls mussten sie eine Nacht warten, bis sie ihre gemalten Bilder an die Wand hängen konnten. „Morgen nach der Schule spielen wir darauf“, sagte er also. „Dann ist alles getrocknet und wir können die Rutsche anmalen, und den Sandkasten, und die Schaukel, und das Gras sieht weiß auch viel schöner aus…“


Als sie aufwachten, war es stockdunkel. Der Himmel war wolkenverhangen und noch nicht einmal ein einziger Stern schien auf die beiden Geschwister herab. Frederik schreckte hoch und sah sich um. Seine Schwester lag neben ihm auf dem feuchten Rasen, immer noch schlafend. Der Junge schluckte und merkte, wie er Angst bekam. Er war noch nie so spät draußen gewesen, und erst recht nicht allein. Vorsichtig stupste er Cheyenne an. Als sie blinzelnd die Augen öffnete, brauchte er nichts zu sagen. Das Verständnis und der Schrecken darin war genug.

Die beiden setzten sich auf und blickten sich ängstlich um. Es waren immer nur noch ein paar hundert Meter bis zu ihrem Haus, sie konnten es sehen, wie es dort in der Dunkelheit stand, aber der Weg erschien ihnen auf einmal gefährlich und unbekannt.

Eine Weile starrten sie sich schweigend an, bis Frederik plötzlich aufstand und seiner Schwester die Hand reichte. Als ihr großer Bruder — er war ein paar Minuten vor ihr geboren, wie ihre Mutter ihnen irgendwann einmal erzählt hatte — wollte er vor Cheyenne nicht als Angsthase dastehen.

Etwas zögerlich nahm sie die Hand und ließ sich hochziehen. Ihre Bluse und ihre Jeans waren mit weißer Farbe verschmiert, und wenn er an sich heruntergesehen hätte, hätte er sicherlich das Gleiche gesehen. Jetzt erschien ihm sein Vorhaben wieder gefährlich, aber er biss sich auf die Lippen und entschloss, seine Ängste zu ignorieren. Was die Erwachsenen konnten, konnte er schon lange.

Wir gehen jetzt nach Hause und hoffen, dass Mama und Papa noch nicht wieder zu Hause sind“, sagte er und lächelte seine Schwester aufbauend an. Ihre hellen Augen blickten ängstlich, aber sie nickte und fasste die Hand ihres Bruders etwas fester. „Und die Farbe?“

Die beiden blickten zu dem weißen Topf, in das die beiden achtlos ihre Pinsel geworfen hatten. „Lassen wir hier. Morgen streichen wir weiter!“

Glücklich darüber nickte Cheyenne und winkte dem Holzpferd, das teilnahmslos hinter ihnen stand, zu. „Tschüssi Engel.“


Ihre Eltern waren bereits da; sie saßen auf der Couch im Wohnzimmer und schienen zu schlafen. Irgendeine Teleshoppingsendung lief im Fernseher. Als Cheyenne und Frederik vorsichtig an ihnen vorbei schlichen, wachten sie nicht auf, und so beschleunigten die beiden ihren Schritt, als sie die Treppenstufen zu ihrem Zimmer hoch gingen.

Ich hatte Angst“, murmelte Cheyenne, als sie sich umgezogen hatte und sich in ihr Bett kuschelte. Die beiden waren die Straße vorsichtig entlang gerannt, hatten sich immer und immer wieder nervös umgesehen; zu lebendig waren die Erinnerungen an die Ermahnungen gewesen, die ihre Eltern ihnen immer und immer wieder eingebläut hatten. Was für böse Menschen sich alles in der Nacht herumtrieben, was für Gefahren in den dunklen Ecken lauerten.

Ich auch.“ Frederik schluckte und setzte sich auf das Bett seiner Schwester. „Aber wir haben das Pferd angestrichen. Und morgen kommt der ganze andere Spielplatz. Und dann ist alles schön weiß. Wie unser Zimmer.“

Die beiden Geschwister lächelten sich an und selbst wenn niemand etwas sagte, wussten sie beide, dass es das wert gewesen war. Dass dieser Tag der Schönste seit langsam gewesen war. Warum, konnten sie selbst nicht genau sagen. Vielleicht, weil sie sich ganz in der Arbeit verloren hatten. Vielleicht, weil sie sich gegenseitig bewiesen hatten, dass sie auch in der Dunkelheit zusammen halten konnten.

Warum haben Mama und Papa nicht nach uns gesucht?“, fragte Cheyenne. Ihre Stimme klang wieder müde, und ihre Augen waren geschlossen. Ihr Bruder wusste nicht, warum ihre Eltern nicht nach ihnen gesucht hatten. Aber er ahnte, dass das noch öfter passieren würde. Er wollte gerade antworten, da merkte er, dass seine Schwester schon eingeschlafen war.

Frederik zog sich ebenfalls seinen Schlafanzug an und legte sich in sein eigenes Bett.




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