öhm ja Hintergrund

Vier — I don’t care as long as you sing


Singst du mir ein Lied?“

Austin lag fiebrig in seinem Bett, während seine Mutter ihm beruhigend über den honigblonden Schopf strich, der wirr und strähnig auf dem verschwitzten Kissen lag.

Was soll ich singen?“

Es ist mir egal, solang du nur für mich singst.“

Er öffnete den Mund, um ein bisschen mehr Luft einzuatmen; es war stickig in dem kleinen Zimmer, und er konnte sowieso kaum noch aus eigener Kraft atmen. Kopfschüttelnd gab seine Mutter ihre kniende Haltung auf und setzte sich auf das Bett, während sie gleichzeitig Austins dünne Beine vorsichtig außer Reichweite legte, um ihn nicht mit ihrem Gewicht zu belästigen.

Und was ist, wenn ich dann was Falsches singe?“

Ein dünnes Lächeln stahl sich auf die Lippen des 14Jährigen, bevor er langsam schluckte. „Das kannst du doch gar nicht.“ Er rang mit sich, bevor er die nächsten Worte aussprach: „Ich werde bald sowieso nicht mehr genau hören, was du singst.“

Seine Mutter nickte, ohne ihr beruhigendes Lächeln zu verlieren. Sie wusste schon lange, dass er nicht mehr lange durchhalten würde; was immer es war, was ihn nieder gestreckt hatte, es machte seine Sache teuflisch gut. Und doch hatte er länger ausgehalten, als sie gedacht hatte, hatte dem Fieber, dem stetigen Schwächerwerden länger getrotzt, als sie es wohl geschafft hatte, das gestand sie sich mit einer gewissen Schwermut ein.

Jetzt sing schon.“

Seine Stimme klang dünn und piepsig, noch leichter als zuvor, als er noch gesund war.

Du weißt ja wirklich, was du willst.“

Und mit diesen Zeilen begann sie eine Melodie zu summen, die sie selbst nicht kannte und die ihr doch in den Sinn kam; wie aus dem Nichts kamen die Töne, die sie summen musste, und sie konnte sehen, wie Austins Augen freudig aufglommen, selbst wenn sie von Fieber und Leiden schon so getrübt waren, dass das einst strahlende Blau zu einer schwammigen Masse geworden war.

Ich gebe zu, es war kein Singen…“, begann sie danach, bevor Austin sie unterbrach. „ … aber was anderes hätte ich nicht gewollt.“

Eine Weile saßen sie in stiller Eintracht nebeneinander, während Austin immer öfter die Augen zufielen und er immer unruhiger wurde und immer hastiger in seinem Bestreben, ein wenig von der schwülen Luft in seine Lungen zu bekommen.

Glaubst du an Gott?“, fragte er seine Mutter unerwartet. Diese sah erschrocken auf; sie hatte ihre Augen geschlossen, um die letzten Minuten in seliger Dunkelheit zu erleben und die bloßen Gefühle, die an der Oberfläche lingerten, ohne einen anderen Sinnesausdruck getrübt zu erleben.

Wieso willst du das wissen?“

Weil du es mir nie gesagt hast.“

Sie lächelte, während ihre Augen sich mit Tränen füllten. Sie kannte diese Phase; kannte sie besser, als sie wollte, ihre Zeit im Krankenhaus war nicht ohne Tod an ihr vorübergegangen. Noch einmal alles von seinem Gegenüber, von der Welt erfahren, von dem man dachte, man könne es doch auch später noch fragen; oder Dinge beichten, die man sonst in seinem Innern verschlossen hielt.

Ich schätze, dann werde ich auch nicht an ihn glauben. Sonst hätte ich ihn dir längst aufgeschwatzt.“

Ein verzweifeltes Lachen entkam ihrem Mund, bevor sie es aufhalten konnte. Austin öffnete die Augen und versuchte, sich aufzusetzen, schaffte es allerdings nur ein kleines Stück, bevor er wieder zurück ins Kissen sank. Er musste sich ein paar Mal sammeln, bevor er antworten konnte; seine Brust hob und senkte sich mit jedem Mal erbarmungswürdig, während er nach Luft rang.

Warum hast du mich Austin genannt?“

Sie strich ihre dunkle Hose glatt, während sie überlegte. Am liebsten hätte sie gar nicht geantwortet oder ihm wenigstens gesagt, das könne er auch später fragen; aber wie konnte sie ihm eine Antwort verweigern, wenn sie doch wusste, wie es um ihn stand?

Ich muss ganz ehrlich sein, ich weiß es nicht. Es klingt doch schön, oder nicht?“

Austin nickte vorsichtig.

Austin heißt… heißt ‚der Erhabene’. Beziehungsweise, ‚Augustinus’ heißt der Erhabene, aber… Austin ist eine Form davon.“

Woher weißt du das?“, fragte sie verblüfft und legte ihrem Sohn die Hand auf seinen Oberarm, der blass und verschwitzt auf der Decke lag. Austin freute sich über diesen leisen Trost und fasste mit seiner Hand wiederum ihren Oberarm, so dass sie sich beide in der etwas unbequemen Lage Trost spenden konnten.

Hat der Arzt mir erzählt. Um mich… aufzumuntern, wahrscheinlich.“

Sie nickte. „Wahrscheinlich.“ Wieder wurde es still, während sie sich nur in stiller Eintracht ansahen. Es gab nichts mehr, worüber sie noch hätten sprechen können, der stille Pakt, dem Tod mit erhobenem Gesicht und keiner Panik entgegen zu treten, war bereits vor Wochen geschlossen worden. Doch trotzdem würde es sich falsch anfühlen, jetzt über etwas Alltägliches zu reden, beschloss sie und so breitete sich Stille über ihnen aus.

Austin leckte sich über die trockenen Lippen, bevor er wieder ansetzte, zu reden. Seine Mutter hinderte ihn nicht, wieso auch? Es gab ja doch keinen Grund mehr, ihm noch irgendetwas zu verbieten.
„ Ich glaube nicht an Gott. Aber… der Arzt hat mir mal eine schöne Geschichte erzählt. Jemand am Sterbebett hatte sie ihm erzählt, und er… er fand sie so schön, dass er sie sich gemerkt hat.“

Seine Mutter rückte noch ein weniger näher an ihren Sohn, bevor sie sich langsam aus der unbequemen Lage löste und ihm stattdessen noch ein letztes Mal die Haare aus dem Gesicht strich. „Ich würd sie liebend gern hören.“

Er glaubt auch nicht an Gott, weißt du? Und der, der gestorben ist, wohl… wohl auch nicht. Aber der Sterbende, ich weiß gar nicht, wie er hieß. Ist das nicht traurig, dass sich keiner mehr an ihn erinnert? Auch der Arzt konnte sich… nicht erinnern, und dabei hat er ihn doch begleitet. Leute werden einfach so vergessen, ist das… traurig.“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich werd dich nicht vergessen. Und die Familie des Toten ihn auch nicht. Jetzt erzähl mir die Geschichte, bevor du einschläfst.“

Beide wussten, welches Schlafen gemeint war, und Austin nickte nur. Seine Augen hatten sich wieder ein bisschen aufgeklärt, was nicht unüblich war so kurz vorm Tod. Noch ein letztes Mal erwachte alles wieder zum Leben, bevor es für immer schwieg.

Nun ja… der Tote hat gesagt, hat gesagt… es gibt keinen Gott, aber es gibt Tausende, nein Millionen, Milliarden Menschen, oder Wesen, im Himmel und… sie alle schreiben. Leidenschaftliche Schreiber, Autoren, oder was auch immer, und was sie schreiben, das… das ist die Geschichte eines jeden Einzelnen. Und… für jeden Menschen gibt es einen Autoren, und einzig und allein an der Laune des … Autors liegt es, ob das Leben desjenigen gut oder schlecht verläuft. Verstehst du?“

Sie spürte Tränen über ihre Wangen laufen, während sie andächtig nickte.

Und Autoren, die im Himmel befreundet sind, schreiben ihre Geschichten zusammen – also ihre erschafften Figuren begegnen sich, und sie agieren untereinander, egal ob als… Freund oder als Feind. Und sie sind alle untereinander… untereinander verbunden, in Gedanken sozusagen, und ihre Geschichten ergeben zusammen ein Ganzes, aber dennoch… das Schicksal des Einzelnen liegt einzig und allein an der Willkür seines Schöpfers. Hat jemand keine Lust mehr… auf seine Figur, dann lässt er sie sterben. Und ob qualvoll oder schnell, auch das liegt an der Laune des Einzelnen.“

Während seine Atemzüge immer heftiger wurden und doch immer weiter auseinander lagen, rang er nach der Fassung, seine Geschichte, seine letzte Geschichte, zu Ende zu erzählen.

Und das ist auch die… diese Sache mit der Seelenwanderung. Es ist keine wirkliche… Wanderung, aber ein Autor, der gerade jemanden umgebracht hat, der will… will was anderes schreiben, weißt du? Und dann schreibt er eine neue Geschichte, aber irgendwie ist es ja immer dasselbe, es ist ja immer derselbe… Schreibstil, nicht wahr? Und manchmal, da ist auf dem… dem Blatt Papier, auf dem der Autor seine neue Geschichte schreibt, noch ein schwacher Abdruck der alten zu sehen… und das spürt dann das neue… ‚Wesen’.“

Seine Mutter lächelte und glitt ein wenig näher zu Austins Gesicht, um ihn kurz auf die Stirn zu küssen. „Das ist eine wundervolle Geschichte.“

Du hältst… hältst Ausschau nach meinem… meinem Nachfolger, ja? Guck, ob dir seine… seine Geschichte gefällt.“

Das werd ich.“

Dieses Versprechen meinte sie ernst, selbst wenn es nur eine törichte, kleine Geschichte war, die er ihr gerade erzählt hatte, die nur der Fantasie eines Einzelnen entsprungen war und gewiss nicht die Wahrheit darstellte; und trotzdem.

Sing noch etwas.“

Ja was denn diesmal?“, lachte sie, fast leichtherzig, und offener, als sie es sich zu dieser Stunde zugetraut hätte. Austin seufzte, kratzte seinen letzten Rest Lebenswillen zusammen, um theatralisch die Augen zu verdrehen.

Es ist mir doch egal! Solange du singst…“

Dann also wieder die Melodie von vorhin.“

Und sie begann zu summen, und während sie es tat, spürte sie wieder einmal dieses selige Gefühl, einfach in der Gegenwart ihres Sohnes zu sein, ein letztes Mal, während die dumpfe Lampe, die auf dem Nachttischschränkchen stand, ein wenig Licht spendete. Der Mond, es war Vollmond, schien beruhigend durch das Fenster herein und selbst wenn man sein Licht nicht sehen konnte, es war ja viel zu schwach, fühlte sie es trotzdem, als würde das silberne Licht sanft über ihren Rücken streicheln.

Mein Autor ist ungerecht“, murmelte Austin leise, fast unhörbar, während seine Atemzüge nicht mehr anschwollen, sondern immer leiser wurden. „Nach 14 Jahren… hat er schon genug von mir. War ich denn so schlimm?“

Du warst der Beste.“

Sanft küsste sie ihn noch einmal auf die Stirn, während er ohne große Kraft nach Luft schnappte. Keiner von ihnen hatte ein Wort über die Vergangenheitsform verloren, die ihr zuerst ohne großes Nachdenken über die Lippen gekommen war, deren Bedeutung sie aber bereits wenige Sekunden später vollständig begriffen hatte.

Die Melodie summte sie immer weiter, und während die Minuten langsam verstrichen und sie in tiefes, aber angenehmes Schweigen hüllten, wurden seine Atemzüge immer leiser, immer stockender und immer weniger, bevor er schließlich so lange nicht atmete, dass sie sich sicher war, er würde es nie mehr tun.

Vorsichtig legte sie ihre Finger auf Austins Handgelenk und erfühlte einen schwachen, fast unmerklichen Puls, der gewiss nicht mehr von wirklichem Leben zeugte. Mit einem letzten, unwilligen Schluchzen stand sie auf und löschte das Licht, gab ihrem Sohn noch einen sanften Kuss auf die Stirn, dann auf beide Wangen und schlussendlich einen klitzekleinen auf die Nasenspitze.

Die Tür zum Wohnzimmer war nur angelehnt, doch es war sowieso egal, da das Zimmer ebenso wie alle anderen verwaist war. Die Tränen in ihren Augen wollten einfach nicht die lange Reise über ihre Wimpern auf sich nehmen, so dass sie das Telefon, das vor ihr lag, durch ihren Schleier aus Tränen kaum sehen konnte.

Die Nummer, die sie tippen musste, kannte sie im Schlaf, und fast genauso fühlte sie sich, als sie die Nummer wählte – müde und wie in Trance, als hätte jemand sie gezwungen, mehrere Tage wach zu bleiben, was sie in gewisser Weise auch getan hatte, um ihrem Sohn so lange wie möglich nah zu sein.

Am Ende der Leitung herrschte lange Zeit Stille, bevor eine tiefe Männerstimme ein ersticktes „Tut mir leid“ murmelte. Sie waren beide überein gekommen, sich erst wieder anzurufen, wenn er wirklich nicht mehr am Leben war, und so war ihrem Mann klar gewesen, was passiert war, sobald er das Klingeln vernommen und die vertraute Nummer auf dem Display gesehen hatte.

Hast du schon den Arzt angerufen?“

Nein.“

Sie hielt den Hörer so fest umklammert, dass ihre Knöchel fast weiß wurden und sie Angst bekam, der Hörer würde brechen, noch während sie am Telefon war. „Ich mache es, sobald ich… aufgelegt habe.“

Eine einzelne Träne nahm den Weg dennoch auf sich, und der salzige Geschmack in ihrem Mund wusch die letzte, sanfte Erinnerung an den Geschmack Austins Haus weg.

Hat er noch irgendwas… gesagt?“

Eine Menge, wollte ihrem Mund entschlüpfen, aber sie konnte sich nicht entschließen, ihm ihren ganzen Dialog zu präsentieren. Er war zu… sie fand nicht die richtigen Worte, um es auszudrücken. Dieser Dialog war etwas, der genau dorthin gepasst hatte, wo er stattfand: in einem kleinen, verdunkelten Zimmer, wo nur der Mondlicht und eine abgedunkelte Lampe schienen; in hastig gewisperten Stimmen gesprochen und mit dem Mantel der Verzweiflung über ihnen. Konnte man dies jemandem übers Telefon begreiflich machen?

Bea?“

Sie sprach das Erste, was ihr in den Sinn kam: „Sein Autor ist ungerecht.“




Diese Webseite wurde aus 100% handelsüblichen, chlorfrei gebleichten Elektronen aus nachhaltiger und artgerechter Haltung erzeugt.
Hinzugefügt wurden außerdem Stylesheets und Hypertext aus ökonomisch wertvollen Anbaugebieten.
Bei dem Aufbau der Webseite sind weder Tiere noch Menschen zu Testzwecken verwendet oder verletzt worden.
Diese Webseite unterstützt "Unglückliche Elektronen e.V.", Sammelstelle für unglückliche Elektronen aller Art aufgrund von Nutzungsmissbrauch.
Gratis bloggen bei
myblog.de