öhm ja Hintergrund

Drei — liebe


der regen fällt. ganz leise, ganz sacht. wenn ich die augen schließen würde, er wäre gar nicht da. aber ich halte die augen offen. und hoffe, dass du kommst.

es ist ganz schön dunkel hier drinnen. natürlich, das kleine fenster lässt licht herein, blutrotes licht, denn der mond scheint heute so. aber es bleibt dunkel. manchmal ist es eine entspannende dunkelheit, wenn du neben mir liegst und ich dich atmen hören kann. manchmal ist es eine gefährliche dunkelheit, als würde etwas mich angreifen, würde ich nur einmal unachtsam bin.

heute, ist es letzteres. du bist nicht da und ich weiß nicht, wo du bist. es ist so einsam ohne dich. und der mond macht mir angst. keiner hat mir gesagt, warum er so scheint. so blutrot, als würde gott alles blut, das je vergossen wurde, dazu benutzen, den mond anzustreichen. was der mond wohl getan hat, dass er so bestraft wird, frage ich mich und igle mich noch ein bisschen enger zusammen.

ich habe nur mein t-shirt an, es wird kalt hier drinnen. es ist nur ein dünner holzverschlag, und bei allem, was du kannst, handwerken gehört nicht dazu. das fenster allein hat diese kleine hütte schon fast zum einsturz gebracht. nicht, dass ich dir das übel nehmen würde, das könnte ich gar nicht.

wo bist du? auf der flucht, würdest du jetzt sagen, wenn du hier wärst. das sagst du immer. wir sind auf der flucht. vor wem? vor den spießern und falschen moralisten dieser welt. du sagst es so, als wäre es ganz selbstverständlich, dann fühle ich mich immer besser. mit einem lächeln im gesicht lehnst du dich dann an mich, so sehr, bis ich deinen herzschlag spüren kann, ohne selbst etwas dafür zu tun. du bist immer so schön warm, ohne dass ich weiß, ob es körperliche oder geistige wärme ist.

wo bist du jetzt? auf der flucht vor mir? ich habe nichts getan, was dich dazu verleiten könnte. und doch werden deine augen immer trauriger, dein lächeln immer kleiner, mit jedem tag. es war falsch, auf der flucht zu sein, das merkst du, das merke ich, das musst du dir eingestehen. die hütte ist zu klein, zu zugig, alles ist nass und ungemütlich. und der wald ist mir unheimlich.

warum wir hingekommen sind, könntest du mir nicht sagen. ich solle dir vertrauen und das habe ich getan. aber jetzt habe ich angst. du hast mich schon oft allein gelassen, aber nicht so. ich brauche doch jemanden, der auf mich aufpasst. jemanden wie dich.

das habe ich schnell gemerkt, dass du die einzige person auf der welt bist, die auf mich aufpassen kann. ohne, dass du es mir je gesagt hättest. bei dir habe ich mich geborgen gefühlt, egal, was war. dir konnte ich in die augen sehen, ohne die augen abzuwenden. es war magisch.

jetzt kann ich niemandem mehr in die augen sehen — es ist niemand da. und es wird immer dunkler, immer dunkler. sogar der mond wird dunkler, als würde das blut langsam trocknen. ich habe schon einmal eine leiche gesehen, das weißt du. wie ich mich gefürchtet habe, aber du hast mich in den arm genommen und mich getröstet. meine tränen getrocknet und meine wangen vorsichtig abgewischt.

das machst du immer. mich trösten und für mich sorgen. ohne, dass ich dich dazu aufgefordert habe. aufopferungsvoll. ich glaube, das würde ich auch gerne tun können. dann würde ich mich ein bisschen besser fühlen.

der einzige, dem ich derzeit irgendetwas schenken kann, ist ein kleiner käfer, der über mein bein krabbelt. er sucht schutz vor dem unwetter, das tun wohl alle tiere. du bist der einzige, der freiwillig hinausgegangen ist. um mich zu schützen, hast du gesagt. warum? darüber schweigst du. es gibt dinge, die darf ich nicht erfahren. kann ich nicht erfahren. das ist teil der vereinbarung, die wir geschlossen haben, bevor ich überhaupt denken konnte. sagst du jedenfalls.

ich vermisse dich. es ist so einsam ohne dich. wenn du nicht wieder kommst, und langsam habe ich zweifel, dass du je wieder kommst, weiß ich nicht, was ich noch tun kann. sag du es mir! was kann ich tun, so ganz allein? der kleine käfer interessiert sich nicht für mich. er kann nicht für mich sorgen. wer erzählt mir die geschichten, wir gibt mir die sanften küsse auf die stirn, wer bürstet mir zum zehnten mal mein haar, weil ich mich im schlaf so sehr umher geworfen habe.

du sagst, du machst es nicht gerne, aber ich sehe dir an, dass du es gerne tust. jedes mal bürstest du meine haare ein bisschen sanfter, und egal, wie oft du drohst, sie mir abzuschneiden, du tust es nicht. die haare sind meins, ein teil von mir, und das liebst du. weil es fast das einzige ist, was du noch hast. mich. das ist nicht egoistisch, das ist die wahrheit. wir sind ganz alleine. dich hast du noch und mich. und diesen kleinen holzverschlag. warum ihn noch keiner entdeckt hat, ist mir schleierhaft.

irgendwann einmal hast du es zu mir gesagt. als wir noch nicht hier waren. hast es in meine haare gemurmelt, als ich eingeschlafen bin über deinem haarekämmen. du machst es so schön hypnotisch, ich schlafe fast immer dabei ein.

ich liebe dich“ und du hast es ganz ehrlich gemeint, ohne irgendwelche hintergedanken. du hast wohl gedacht, ich würde es nicht hören. es ist dir peinlich, das zu sagen, weil es von schwäche zeugt. ich weiß, dass du das denkst, ich kenne dich besser als mich selbst. und trotzdem war es ein versprechen für mich. dass du auf mich aufpasst. mich nicht loslässt. und alles tun wirst, um mich zu beschützen.

jetzt wünsche ich, du hättest es nicht gesagt. mir das versprechen nicht gegeben. lieber gehe ich gemeinsam mit dir unter, als der grund für deinen untergang zu sein. es wird so dunkel hier drin, der käfer ist weiter gewandert, ich bin ganz allein und der mond wird mein einziger gefährte sein.

komm wieder! ich kann fühlen, dass du stirbst, irgendwo da draußen. von anfang wusste ich es, als du mich aus meinem bett gerissen hast, mir bedeutet hast, zu schweigen, damit niemand uns hört. ich wusste es schon, als ich die leiche in dem Zimmer sah und über ihr geweint habe. und als wir hier ankamen, wurde es zur gewissheit.

du hast alles getan, um mich zu beschützen. und das war zuviel. jetzt hast du mich beschützt, aber dafür dein leben gegeben. natürlich atmest du noch. dein gehirn funktioniert noch. aber all das ist kein anzeichen dafür, dass du wirklich lebst. ich weiß nicht, wo ich dich finden kann. du bist weg, aber ich bin immer noch auf der flucht. und ich habe keine ahnung, wohin jetzt. wohin geht man, wenn man auf der flucht ist und nicht weiß, wovor? du hast mir alles verschwiegen, weil ich es nicht verkraften könne. jetzt bist du weg und ich weiß gar nichts mehr.

ich glaube, ich liebe dich auch. aber das ändert nichts. daran, dass ich alleine bin. für immer. und ewig. sogar die hoffnung ist nicht mehr da, ist heimlich verschwunden, in dem regenwasser vor der hütte ertrunken.


irgendwann bin ich eingeschlafen. habe mich hingelegt auf den feuchten waldboden, die kriechtiere ignoriert, die meine gesellschaft haben wollten. es ist morgen jetzt und die nacht verschwunden. aber die nacht stirbt nie.

als ich aus dem dämmerschlaf aufwache, liegst du neben mir. ich bin fast glücklich, denke mir fast, es war nur ein böser traum, aber dein gesicht sagt mir alles. es war real. und was immer du getan hast, um mich zu beschützen, um dich zu beschützen, es war wohl noch schlimmer, als ich mir vorstellen konnte. was kann ich mir schon vorstellen?

der mond scheint noch, ganz schwach. das blut ist abgewaschen von dem vielen regen. dein blut ebenfalls. in solchen momenten weiß ich, was immer die entscheidung war, die du gefällt hast, sie war falsch…

und es tut mir aufrichtig leid. wenn es nach dir ginge, wärst du da geblieben. hättest alles ertragen. es ist meine schuld, dass du sie getötet hast, dass du alles getan hast, damit ich ein besseres leben habe. habe ich nicht, das kann ich dir sagen. du sagst, du liebst mich, und das ist dein rechtfertigungsgrund für alles, was du tust. so funktioniert es nicht. so einseitig. ich will auch etwas tun, für dich, dafür, dass alles ein bisschen besser wird. dass ich das nicht darf, macht mich wahnsinnig.

es ist ein teufelskreis. wir werden sterben, einsam und allein, zusammen, hier, du zuerst. das liegt wohl an der liebe. einzig und allein an der liebe. oder wie auch immer.

komm zurück. bitte. alle sollen zurückkommen.




Diese Webseite wurde aus 100% handelsüblichen, chlorfrei gebleichten Elektronen aus nachhaltiger und artgerechter Haltung erzeugt.
Hinzugefügt wurden außerdem Stylesheets und Hypertext aus ökonomisch wertvollen Anbaugebieten.
Bei dem Aufbau der Webseite sind weder Tiere noch Menschen zu Testzwecken verwendet oder verletzt worden.
Diese Webseite unterstützt "Unglückliche Elektronen e.V.", Sammelstelle für unglückliche Elektronen aller Art aufgrund von Nutzungsmissbrauch.
Gratis bloggen bei
myblog.de