öhm ja Hintergrund

Eins — Mischpult


Das Leben als DJ ist eines der Beschisstensten, das man sich vorstellen kann. Miese Arbeitszeiten, hunderte Betrunkene, die einen anpöbeln, spielt man nicht ihr Lieblingslied, und eine Eintönigkeit, die an Folter grenzt.

Das Schlimmste aber ist das Vorgaukeln einer heilen Welt. Wer auch immer diese Disko betritt, er ist über alle Maßen geschminkt, trägt Sachen, die er höchstwahrscheinlich nicht ausstehen kann, und bestellt Drinks, um seine Sorgen zu vergessen.

Feiern ist nichts für glückliche Menschen. Die meisten Menschen, die in dieser Disko sind, wollen glücklich sein, sind es aber nicht. Ich kann es an ihren Gesichtern erkennen. Sie stellen sich das Leben so vor, als wäre es eine einzige Party, bestellen sich einen farbenfrohen Drink nach dem anderen und werfen sich wildfremden Menschen an den Hals, als hätten sie den Messias erblickt.

Und meine Aufgabe ist, den Menschen den passenden Soundtrack zu liefern. Techno, Rock, auf vollster Lautstärke, alles, was die Sinne betäubt und in Kombination mit Alkohol ein Stimmungshoch auslöst, ist erlaubt, alles andere kann man vergessen. Man bescheinigt mir ein gewisses Talent, was daran liegen könnte, dass ich selbst einmal Stammgast auf den Partys war und erst durch diesen Job erkannt habe, was für ein falsches Spiel hier getrieben wird.

Nach jahrelangen Nächten auf der Piste und Massen an Alkohol, um mein Leben am Tag zu betäuben, kann ich zu Recht und nicht mit Stolz sagen, dass ich weiß, was ein verzweifelter Anfangzwanziger ohne Perspektive hören will: nichts, verpackt in etwas.

Irgendetwas Fröhlich-Aggressives, das einem Glauben an ein besseres Leben schenkt, wenn man schon keine Hoffnung hat. Etwas, das bellt, aber nicht beißt.

Natürlich ist nicht jeder, der feiern geht, so. Aber wenn ich mir die Gesichter der Besucher ansehe, wie sie sich beim Tanzen gegenseitig anstacheln, bevor sie verschwitzt an einem Tisch zusammen brechen und Bier trinken, wage ich es, eine These aufzustellen: viele glückliche Menschen können feiern, viele verzweifelte Menschen müssen es.

Es gibt ein paar Momente, die es wert sind, in diesem Job in Erinnerung zu bleiben. Momente, in denen jemand sein wahres Gesicht zeigt, oder Momente, in denen jemand es zu kaschieren versucht, und man es trotzdem sieht. Das sind die Nächte, in denen besonders viele arme Seelen die Clubs besuchen und eine dazwischen ist, die mir in die Augen sieht, bis ich weiß, was sie hier will, warum sie hier ist. Oder die Nächte, die sich langsam dem Ende zuneigen und dabei die kaputtesten Menschen zu Tage fördern, wenn man in die Gesichter derer sieht, die noch da sind und dem Morgengrauen trotzen.


Einer dieser Momente war die Begegnung mit Kiki, wie sie sich vorstellte. Ich glaube nicht, dass sie wirklich so heißt, aber es passt zu ihr. Ihre schwarzen Haare hingen ihr wirr ins Gesicht und jedes Wort, das sie mir ins Ohr schrie, wurde von einem leichten Duft nach Pfefferminz begleitet. Es war 4 Uhr morgens, es lief etwas Ruhigeres, was es war, weiß ich gar nicht mehr. Sie saß in dem Schoß eines deutlich älteren Mannes und flüsterte ihm irgendetwas zu. Dann stand sie auf und kam zu mir rüber. Ihre Augen werde ich nie vergessen: dunkelgrün, aber so trüb, als wäre sie blind. Ich schob es auf den Alkohol, aber tief im meinem Innern wusste ich, dass sie ihren Ursprung viel tiefer in der Nacht hatten.

Sie setzte sich auf das Mischpult und betrachtete fasziniert, wie ich die verschiedenen Knöpfe drückte, um es jedem Recht zu machen. Sie konnte nicht älter als 18 gewesen sein, vielleicht war sie auch erst 16, aber mit dem richtigen Geld kam jeder in diesen Club.

Lust, mich vor diesem Wichser zu retten?“ Sie lachte und ich spürte, dass sie angetrunken und auf der Suche nach einem Abenteuer war. Wie sie auf dem Pult saß, als hätte sie nie anständige Manieren gelernt, und sie mich ansah. Ich konnte es spüren.

Warum hast du dich überhaupt auf ihn eingelassen.“ Es war keine Frage, denn ich wusste die Antwort bereits. Die Drinks, die vor dem Typen standen, ließen keinen anderen Schluss zu. Sie hatte kein Geld und würde alles tun, um trotzdem ihren Kick zu bekommen. Sie tat mir beinahe leid.

Bis sie näher an mich heran rückte. „Ich bin Kiki“, murmelte sie, und kurz darauf ertönte ein ohrenbetäubendes Jaulen aus den Boxen. Sie hatte irgendeinen Regler verschoben. Während sie hysterisch lachte, versuchte ich verzweifelt, die Sache wieder gerade zu biegen. Die Tanzenden starrten mich an, einige riefen mir wüste Beschimpfungen zu. „Hast du keinen Anstand gelernt, verdammte Scheiße!“

Sie giggelte immer weiter, während ich irgendwann den richtigen Regler fand und das unsägliche Gequietsche aufhörte. „Ich hab ein paar Fragen an dich.“ Schließlich rutschte sie von dem Pult runter und trat näher an mich heran. Ich schluckte und sammelte meinen Mut, oder was auch immer man für so etwas braucht, und warf ihr ein „Verpiss dich“ ins Gesicht. Sie beachtete es nicht, sondern richtete sich ihre Haare. Mehr als nur ein paar Drinks musste sie getrunken haben, um so teilnahmslos durchs Leben zu können. Vielleicht antwortete ich deshalb nach anfänglichem Zögern.

Was für Fragen?“, murrte ich schließlich, als sie nichts mehr sagte, und machte mich daran, ein anderes Lied aufzulegen. „Nimm das hier.“ Ihre rot lackierten Fingernägel griffen zielsicher hinter mich — ihre Haare streiften meine Wange, und ich fühlte mich auf einmal verlegen, als ob ich etwas Verbotenes tun würde — und zog ein psychedelisches Cover heraus. „Das möchte ich hören.“ Für eine Betrunkene klang ihre Stimme ziemlich fest, und ich fühlte, wie sich meine anfängliche Meinung zu ihr verschob, besser gesagt, etwas Tieferes zuließ als nur das Prädikat „Schlampe“.

Während ich die Platte auflegte, wartete ich auf ihre Fragen. Ich konnte spüren, wie es in ihr arbeitete, wie sie nach der Frage suchte, und wollte sie dabei nicht stören. Ihr Atem ging ruhig und gleichmäßig und faszinierte mich.

Hast du schon mal mit jemandem geschlafen und ihn danach in deinem Bett schlafen lassen?“ Unter dem Anfang des neuen Stückes ging ihre leise Stimme fast unter, aber ich hörte sie trotzdem. An der Art, wie sich ihre Tonlage verändert hatte, merkte ich, dass sie verzweifelt einen Gegensatz suchte zu ihrem Verhalten und womöglich eine Erklärung dafür. Ich fragte mich, warum sie nie jemanden in ihrem Bett schlafen gelassen hatte, warum sie in ihren jungen Jahren sich überhaupt solche Fragen stellen musste, und antwortete. „Natürlich.“

Als ich es wagte, ihr in die Augen zu sehen, hatte sich das Grün ein wenig geklärt, die trübe Gleichgültigkeit war er gestochen scharfen Traurigkeit gewichen. Das „ich nicht“ brauchte sie nicht zu sagen und das wussten wir beide.

Sie blieb lange hinter dem Pult stehen, schweigend, hüpfte ab und an auf einem Bein und zupfte sich die schwarzen Haare aus dem Gesicht. Bei jedem ihrer Atemzüge stieg mir ihr Pfefferminzduft in die Nase, bis er den gesamten Raum ausfüllte und sogar den Zigarettenrauch übertünchte. In diesem Moment musste sie für jeden außen stehenden Betrachter wie eine normale, hyperaktive Betrunkene gewirkt haben. Für mich nicht. Zwischen dem dritten und vierten Lied offenbarte sie ihre Seele, während sie auf ihren Fingernägeln herumknabberte und sich unsere Blicke kurz trafen.

Irgendwann geriet der ältere Mann wieder in ihr Blickfeld. „Ich muss gehen“, nuschelte sie. „Was willst du von ihm?“, fragte ich, nur um sie mit dem Schultern zucken zu sehen. Bevor sie hinter dem Pult hervorging, bereit, sich in die Arme des blonden Mannes zu werfen, hauchte sie mir einen Kuss auf die Wange und ein paar Worte ins Ohr: „Meinst du, ich finde irgendwann ein Zuhause?“. Mehr als alles andere wollte ich sie mit zu mir nach Hause nehmen, aber ich wusste, dass sie das nicht wollte. Also nickte ich.

Der Mann warf mir einen misstrauischen Blick zu, als er einen Arm um ihre Schulter legte und mit ihr den Club verließ.

An diesem Tag, nachdem ich von der Arbeit nach Hause gekommen war, konnte ich nicht einschlafen. Ihre Augen verfolgten mich, ihr Pfefferminzduft war allgegenwärtig, und ich ertappte mich dabei, für sie zu beten.


Die zweiten Menschen, die mich wirklich interessiert haben, waren zwei Jungen auf der Tanzfläche. Den einen kannte ich oberflächlich aus der Uni. James irgendwas. Es war Silvester, noch relativ früh, aber die Tanzfläche trotzdem schon recht voll, so dass sie kaum Aufmerksamkeit auf sich zogen. Nick, ein Arbeitskollege, der eigentlich an der Bar sein und Bestellungen entgegen nehmen sollte, tummelte sich neben mir herum und genoss es sichtlich, einmal in seinem Leben die Menge von einem etwas höheren Podest betrachten zu können. Er nippte an einem Swimming Pool und zeigte mit seinen dünnen Fingern auf die beiden. „Schwuchteln, oder?“

Ich zuckte mit den Schultern und beschäftigte mich weiter mit meinem Job. Natürlich waren sie schwul. Wie die beiden zusammen tanzten, ging über jede Freundschaft hinaus. Nur, er musste es nicht erwähnen. Die beiden wirkten glücklich. Natürlich konnte ich es auf die Entfernung nicht sehr gut erkennen. Aber ich hatte es im Gefühl.

Sind wir ne Schwulenbar?“, fragte Nick abschätzig. „Wenn ich mir dich ansehe, dann bestimmt“, antwortete ich gereizt und erntete einen bitterbösen Blick der Sorte „wenn Blicke töten könnten“ als Konter.

Vielleicht verzieh ich mich besser“, sagte er schließlich. „Von hier oben ist es noch weniger zu ertragen als von der Bar aus.“

Warum, du kannst ihnen doch auf den Kopf spucken.“ Der Zynismus in meiner Stimme war nicht zu überhören, und ohne mich noch weiter zu beachten, drehte er sich um und verließ meinen Arbeitsplatz. Ich konzentrierte mich weiter auf meinem Job, beobachtete die beiden aber trotzdem weiter. Die beiden tanzten weiter, in der Musik verloren, und gingen gegen 11 Uhr an einen kleinen Tisch. Ich fühlte mich wieder einmal ein wenig, als würde ich etwas Verbotenes tun, wie ich die beiden ungeniert beobachtete.

Mit einem Seufzend wandte ich den Blick von den beiden ab und verlor mich in der Musik.

Es klappte, bis es kurz vor Mitternacht war. Als ich meinen Blick durch die Menge schweifen ließ und das Adrenalin, das sich kurz vor einem neuen Jahr immer in meine Adern schlich, durch mich hindurch pumpte, sah ich die beiden wieder. Sie stachen heraus, warum, weiß ich nicht. Abwesend wechselte ich die Platte — „Do you want to“ hatte ich nun schon zum zweiten Mal gespielt — jetzt lief „Archangel“ von Burial — und zwang meinen Blick auf etwas Anderes. Und ich fand es. Wenn ich an Gott glauben würde, würde ich es geistliche Fügung nennen. Zwei andere Jungen, die sich ebenfalls küssten: grinsend, als ob das Ganze ein riesiger Spaß war. War es wahrscheinlich auch. Ich kannte die beiden ebenfalls flüchtig, sie kamen öfters hier rein und zumindest der eine von ihnen verließ den Club regelmäßig mit Mädchen.

Als es nur noch eine halbe Minute bis Silvester waren, stürmten zwei Mädchen neben die beiden und schienen sie mit Blicken zu malträtieren. James und sein Freund blickten sichtlich amüsiert auf die Szenerie. Sie hielten sich vorsichtig fest; und in diesem Augenblick passte wirklich alles. Sogar der Gesichtsausdruck von Nick, der einem sichtlich angeheiterten Mädchen gerade einen Drink reichte, war dieses Silvester wert. Ich mag Silvester eigentlich nicht; aber das war wohl ein sehr Gutes.


Ebenso fertig wie Kiki muss Emma gewesen sein, die ich vor ein paar Monaten getroffen hatte. Sie war bereits Ende 20, sicherlich, und tanzte sich die Seele aus dem Leib. Ihre dunkelblonden, strähnigen Haare wirbelten im Takt der Musik, und sie warf sich jedem an den Hals, der es wollte. Ihr Rock war zu kurz und die Bluse eng. Noch nie in meiner „Karriere“ habe ich so sehr gehofft, dass unsere Blicke sich treffen würden. Sie reizte mich — nicht auf irgendeine sexuelle Weise, sondern auf die rein soziale.

Irgendwann tat sie mir den Gefallen. Gerade, als sie einige ziemlich gewagte Tanzschritte mit einem jungen, vielleicht 20jährigen Rothaarigen machte, blickten sie direkt zu mir. Ihre Augen trafen meine, meine Augen trafen ihre, und ich schätze, dass das der Auslöser war, dass sie irgendwann neben mir stand. „Ich bin Emma“, schrie sie durch die wummernden Bässe der Boxen hindurch. Ihre Haare hingen ihr nun wirr ins Gesicht, ihr Blick war seltsam gefährlich und lauernd. „Tobias“, stellte ich mich zurück vor und betrachtete sie lange und gründlich. Nein, sie war nicht ganz wie Kiki. Kiki war verzweifelt gewesen und hatte sich blindlings auf alles gestürzt, von dem sie dachte, dass es ihr helfen könnte— Emma sah so aus, als würde sie genau wissen, was sie tat. Eine dunklere Verzweiflung überschattete sie.

Wirklich? Tobias? So wollte ich meinen Sohn auch nennen.“

Vielleicht war ihr der Mutterstress zu viel? Ich verwarf die Theorie gleich. Das wäre viel zu simpel, viel zu stupide. „Warum hast du’s nicht getan?“ Ich verspürte nicht die Lust, sie zu siezen.

War der zweite Name meines Exmannes.“ Emma schluckte, gab mir den entscheidenden Hinweis, dass ihre Verzweiflung etwas mit ihrem Ex zu tun haben müsste. Ich vermied es, danach zu fragen, und kam stattdessen wieder auf ihren Sohn zu sprechen. „Und wie heißt er jetzt?“

Derek. Wie meine frühere Katze. Als ich gerade 8 war, haben wir sie aus dem Tierheim bekommen. Ich liebe Katzen.“

Ich versuchte, sie mir vorzustellen mit einem kleinen Kind auf dem Arm, einem kleinen Derek auf dem Arm, und war schockiert, wie gut es mir gelang.

Kommt das öfter vor, dass einfach Menschen hierhin stürmen?“ Emma klang wirklich neugierig, während sie sich auf der Tanzfläche umsah. „Meistens nur Betrunkene, die n anderes Lied wollen“, brummte ich, während ich mich auf das nächste Lied konzentrierte. Emma lachte; und es klang gut.

Ich bin nicht betrunken. Höchstens high von der Musik.“ Das hatte ich mehr als deutlich sehen können. Ihrem Gesichtsausdruck zu folgen waren die Worte nicht nur Gedanken geblieben.

Emma holte eine Zigarette und ein Feuerzeug aus der Hosentasche und zündete sie nervös an. „Vielleicht geh ich jetzt weiter tanzen.“

Ich nickte und ließ sie gehen. Sie würde schon wieder kommen.


Der schlimmste Moment meiner mickrigen Laufbahn als DJ war die Nacht, in der ein guter Freund von mir sturzbesoffen in mein Mischpult stürzte und damit die gesamte Fete ruinierte. Warum ausgerechnet so etwas mir in Erinnerung geblieben ist, weiß ich nicht so recht.

Micha, eigentlich (und ausgerechnet) Michael wie der Erzengel, der gegen Satan gewonnen hatte, war einer der Ersten gewesen, die gekommen sind. Er trank genug, um ungeübte Trinker, wie er eigentlich einer war, vollständig überkippen zu lassen, aber an diesem Tag hielt er es irgendwie aus.

Ein paar Mal versuchte er, mich zum Mittanzen zu animieren, und als ich mich zum gut fünften Mal weigerte, warf er mir einige unschöne Ausdrücke an den Kopf. Ich ließ ihn gewähren. Wenn er so war, hatte er Probleme mit seiner Mutter, mit seiner Freundin — Exfreundin, oder mit sonst jemandem, dem er tagtäglich begegnete.

Es war eine organisierte Party, irgendeine Schickimickitusse feierte den Geburtstag und hatte ihren Vater die gesamte Disko für die Nacht mieten lassen. Im Nachhinein bin ich ganz froh darüber, denn so bekam es wenigstens nicht die gesamte Diskobevölkerung mit. Gegen 1 Uhr, als die ersten Gäste sich bereits verabschiedet und die Fete sich gelegt hatte, tanzte er nur in Boxershorts auf einem Tisch neben meinem Pult und trank noch ein Bier; die anderen Flaschen waren um ihm herum verstreut.

Er tat mir wirklich leid, aber da war ich wohl der Einzige; die Meisten feuerten ihn an, reichten ihm weiter Alkohol. Ein Junge stopfte ihm Monopolygeldscheine in die Shorts — wo er die herbekommen hatte, weiß der Teufel —, während zwei andere Michas Kleidung in einer dunklen Ecke versteckten.

Irgendwann räusperte er sich, trank noch einen Schluck, bevor er seine Stimme anhob: „WUHU!“

Es blieb nur beim Anfang seiner, so war ich mich sicher, prestigeträchtigen Rede, denn danach stolperte er über eine Bierflasche und fiel — mitten in mein Pult. Es krachte, es knackte, und das Lied, das gerade lief, hörte abrupt auf. Zwei Tischbeine waren eingebrochen, und die Armatur sah nicht besser aus. Meine Angst, dass Michael etwas passiert sein könnte, verwandelte sich bald in Wut — als er putzmunter, wenn auch betrunken, aufstand und mich schuldbewusst ansah. Seine Miene mochte bei vielen Vergebung auslösen, nicht so bei mir; die ganze, versammelte Gesellschaft war ruhig, während ich ihn anschrie, als würde mein Leben davon abhängen.

Mein Kopf fühlte sich heiß an, und ich musste krebsrot gewesen sein; Micha versank immer weiter im Boden und seine Augen klärten sich allmählich. Ein paar Gäste fingen an zu tuscheln, zu kichern. Es musste wirklich komisch ausgesehen haben, wie er vor mir stand, nur in seinen Boxershorts, und ich, sichtlich wütend, vor einem kaputten Mischpult; aber das war mir egal.

Ich konnte meine Hand gerade noch beherrschen, am liebsten hätte ich ihm eine schallende Ohrfeige verpasst; stattdessen machte ich auf dem Absatz kehrt und verließ den Club.

Warum ich so wütend gewesen war, konnte ich nicht genau festmachen — die Antwort nagte in meinem Hinterkopf, aber sie schlüpfte nicht heraus. Die Nacht war sternenklar, als ich meinen Weg nach Hause machte, das Chaos im Club, die anderen Gäste vergessen. Alles, was ich sehen konnte, war Micha, wie er vor mir stand und nur mit seinem Blick das drohende Unheil abzuwenden versuchte.

Vielleicht kann ich mir doch beantworten, warum ich mich so gut an diese Szene erinnern konnte: weil ich, ich in diesem Moment einmal mein wahres Gesicht gezeigt hatte. Und Micha hatte es gesehen.




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