öhm ja Hintergrund

Schwule Männer tanzen nicht


Weißt du, dass prozentual weniger Schwule Tanzkurse belegen als Heten?“

Schwule heiraten ja auch nicht, Tommy.“

Rick ließ seine Zeitung sinken und offenbarte sein gelangweiltes Gesicht. Eigentlich war alles an ihm gelangweilt. Seine Arme, seine Beine, sogar sein Magen hatte irgendwie nichts zu tun. In dieser Dreckshütte gab’s ja noch nicht mal gescheites Essen.

Wo hast du das überhaupt her?“

Tommy zuckte mit den Schultern. In punkto Langeweile konnte Tommy nicht ganz mithalten. Er war viel zu sehr damit beschäftigt, ein nettes Gesicht aufzuziehen. Nette Gesichter waren wichtig bei Rick. Hattest du ein nettes Gesicht, erhöhten sich deine Chancen, die Zusammenarbeit mit ihm zu überleben, um etwa 30%. Das machte immerhin schon einmal 30,0001% Überlebenschance. Es konnte praktisch gar nicht besser laufen, fand Tommy. Auch wenn sein Magen knurrte und er auf einem kaputten Sessel saß, ergo sein Arsch verdammt weh tat. 30,0001% waren fast schon 1/3. Da verzichtete er gerne auf Sitzkomfort.

Keine Ahnung. Hatte nichts zu tun. Hab’s mir ausgedacht. Wollt nur wissen, ob du vielleicht weißt, ob’s so ist.“

Rick fuhr mit der Zunge über seine Zähne. Er hatte spitze Zähne, bemerkte Tommy. Die konnten nicht echt sein. Die hatte er irgendwann machen lassen. Wobei man bei Rick nie ganz sicher sein konnte. Am Ende war er noch ein Vampir. Tommy hatte schon ziemlich viel Schräges miterlebt, und nur etwa bei der Hälfte war er stoned gewesen. Glaubte er jedenfalls.

Dann hättest du „ob“ anstatt „dass“ sagen müssen, Tommy.“

Die Zeitung wurde wieder hochgehoben.

Hab ich nicht?“
„Hast du nicht, Tommy.“

Hör auf, alle Sätze mit „Tommy“ zu beenden, Rick!“

Nenn mich noch einmal Rick und du hast schneller ein paar Kugeln in deinem Hintern als du „Bitte nicht“ jammern kannst, Tommy.“

„’Tschuldigung.“

Es gab einige Regeln, die man besser befolgte, wenn man mit Rick zusammen arbeitete. Zuerst einmal stellte man immer das Quartier zur Verfügung. Immer. Das war noch einfach. Die meisten hatten irgendwo ne Bruchbude stehen, die man benutzen konnte.

Zweitens, und das war schon schwieriger, stellte man keine Fragen. Egal, wie sehr es einen in den Fingern juckte. Was Rick sagte, wurde gemacht. Wenn Rick sagte, man solle gefälligst in nichts außer einem Kindertutu auf der Polizeiwache auftauchen und „Alle meine Entchen“ singen, dann tat man das. Und wenn nicht, hatte man mit Konsequenzen zu rechnen. Tommy wusste das. Er hatte die arme Sau gekannt, die nicht rechtzeitig ein Kindertutu in seiner Größe gefunden hatte.

Und drittens, und das war vielleicht die wichtigste Regel, nannte man ihn niemals Rick. Niemals. Warum, wusste keiner. Er hieß Rick, ohne Frage, und er stellte sich auch grundsätzlich als Rick vor. Aber wenn man ihn so nannte — nun ja, dann hatte man schneller ein paar Kugeln in seinem Hintern als man „Bitte nicht“ jammern konnte.

Außer, man hatte ein nettes Gesicht. Dann gab’s beim ersten Mal nur ne Verwarnung. Und Tommy hatte ein nettes Gesicht. Zumindest, wenn er sich anstrengte. Und seine kleinen Narben auf der Wange mit dem Schminkset seiner Mutter überdeckte. Dann hatte er ein äußerst nettes Gesicht.

Wieso interessiert dich das überhaupt so brennend? Apropos brennend, gib mir deine Zigarette. Ich hab keine Lust, mir welche zu besorgen.“

Tommy nickte und reichte ihm seine Zigarette. Eigentlich mochte Tommy seine Zigaretten am liebsten selbst. Er hatte sie schließlich gekauft. Mit hart erwirtschaftetem Geld, wobei erwirtschaftet hier mit geklaut gleichzusetzen ist. Aber wenn Rick eine Zigarette wollte, gab man sie ihm. Außer, man wollte schneller ein paar Kugeln — ach, ihr wisst schon.

Keine Ahnung. Ist mir nur gerade in den Sinn gekommen.“

Ahja. Ist so ne Frauensache, schätz ich.“

Ich bin keine Frau.“

Natürlich nicht, Tommy. Nur ne Schwuchtel.“

Das eigentlich auch nicht.“

Dann frag ich mich, wie du’s auf dem Sessel aushältst.“

Tommy schwieg. Irgendwann tauchte Ricks Gesicht wieder hinter der Zeitung auf. Er faltete sie sorgsam zusammen und schmiss sie dann zielsicher in den Papierkorb, bevor er auf die Uhr sah. 11:46Uhr. Rick grinste.

Was meinst du, Lust auf ein bisschen Action?“


Das Cabrio war mindestens 10 Jahre alt und hatte mehr Kilometer auf dem Tacho, als das arme Ding zählen konnte. Man konnte es nicht überdachen, weil der Mechanismus irgendwie kaputt war, und wenn es mitten auf der Fahrt klapperte, wusste man, dass gerade eine Schraube oder ähnliches über den Jordan ging, was hier gleichbedeutend mit „aus dem Auspuff kullerte“ ist. Es war in einem hässlichen blassrosa gestrichen, vorausgesetzt, man war großzügig und sah über den Rost hinweg, der sich über die Jahre angesammelt hatte.

Alles in allem war es ein Drecksauto. Allerdings auch besser als nichts, fand Tommy, was der Grund gewesen war, warum er es vor ein paar Monaten vom Schrottplatz geklaut hatte. Okay, okay, Tommy war kein richtig guter Gangster, wenn er Sachen vom Schrottplatz klaute. Aber immerhin saß er jetzt neben Rick. Das war doch schon einmal ein Fortschritt. Quasi der erste Schritt in die richtige Richtung. Oder ins Grab.

Rick hatte sich wieder hinter seiner Zeitung verschanzt. Das war fast so etwas wie sein Markenzeichen. Ein ziemlich altes, wenn Tommy so auf das Datum der Zeitung blickte. Bush war ja auch schon lange nicht mehr Präsident. Aber wenn es Rick so viel Spaß machte, wollte Tommy sich nicht beschweren. Nein, eigentlich wollte Tommy sich generell nicht beschweren, egal, was passieren würde.

Weißt du, wohin wir fahren müssen?“

Jup.“

Aber du sagst es nicht laut, nicht wahr?“

Niemals.“

Gut, sonst müsste ich nämlich drüber nachdenken, dich umzulegen.“

Ich weiß.“

Braver Tommy.“

Tommy griff nach der Gangschaltung und legte den zweiten Gang ein. Eigentlich versuchte er es nur, denn gerade, als er es fast geschafft hatte, riss der Knüppel ab. Zurück blieb lediglich ein metallener Stumpf. „Dann eben nur erster Gang“, murmelte Tommy und schleuderte den Lederknüppel lässig aus dem Fenster. Wobei „lässig“ hier gleichbedeutend mit „gegen den Kopf eines aggressiv aussehenden Hundes“ ist. Tommy drückte ein bisschen aufs Gas.

Und du weißt, was du zu tun hast?“

Nett aussehen, bei Bedarf ein bisschen lächeln und ansonsten dein treues Anhängsel sein.“

Außer?“

Außer irgendwas gerät außer Kontrolle. Dann nehm ich die Pistole und fuchtel ein wenig damit rum.“

Ich hab das Gefühl, du nimmst das nicht ernst, Tommy.“

„’Tschuldigung, Ri — riiiight. Ich glaube, wir sind gleich da.“

Das wäre auch besser so, hatte Tommy das Gefühl. Die Geräusche der sterbenden Schrauben nahm rapide zu. Vielleicht planten sie eine Selbstmordorgie. Wie die Lemminge! Oder wie hießen die Dinger noch mal? Nein, es mussten Lemminge gewesen sein. Lenny wurde auch immer Lemming Lenny genannt, weil er ein Meister darin war, Leute umzulegen und es so aussehen zu lassen, als hätten sie das völlig freiwillig getan. Tommy schluckte, als er daran dachte, dass er ihn mit einer Chance von 69,9999% bald sehen würde. Eigentlich war Lemming Lenny ja nett. Wenn man ihm nicht gerade ein Teil seiner Arbeit war. Vermutete er zumindest. Es war noch keiner zurück gekommen, um eventuell zu sagen: „Hey, ihr da, war gar nicht so schlimm, der Strick hat nur ein bisschen gekitzelt!“

Jetzt hatte Tommy den Faden verloren. Was Rick ihm auch allzu deutlich machte, als er die Zeitung sinken ließ und Tommy unwirsch an der Schulter packte.

Weißt du, was das ist?“

Das Auto kam klappernd zu stehen, und Tommy sah in die Richtung des ausgestreckten Zeigefingers. „Ich schätze, das ist die Bude, wo wir hin wollten.“

Richtig. Jetzt überleg mal ganz scharf, Tommy. Wohin bist du gefahren?“

Einen Block zu weit.“

Richtig. Jetzt überleg noch mal ganz scharf, Tommy, kannst es ja anscheinend sehr gut. Was soll ich jetzt mit dir machen, hmm?“

Großzügig darüber hinwegsehen, weil ich ein nettes Gesicht habe und außerdem noch nen Waffenschein?“

Rick ließ Tommys Schulter los, lächelte und warf die Zeitung auf den Rücksitz.

Richtig. Waffenschein. Steig aus.“

Es verwirrte Tommy ungemein, wenn Rick lächelte. Er hatte ihn bis jetzt hauptsächlich von Erzählungen gekannt, wie gesagt, ein so großer Gangster war Tommy auch nicht. Laut den Erzählungen gab es verschiedene Arten von Ricks Lächeln. Einmal das zufriedene, wenn ein Auftrag nach Plan verlaufen war. Dann das teuflische, wenn er gerade jemanden folterte oder wahlweise umbrachte. Dann das falsche, wenn er kurz davor war, jemanden zu foltern oder wahlweise umzubringen, und es demjenigen nicht verraten wollte. Und zuletzt das amüsierte, wenn er über einen Witz lachte und sich gut unterhalten fühlte.

Tommy hatte das Gefühl, dass die letzten beiden quasi nicht unterscheidbar waren.


Warum genau Tommy eigentlich ausgewählt wurde, um Rick Gesellschaft zu leisten, wusste er nicht. Den größten Coup, den er bis jetzt gelandet hatte, war vor ein paar Jahren das — wenn auch vollkommen ungewollte, konnte er ja nicht ahnen, dass die einen schwarzen Golf erwarteten — Fahren eines Fluchtautos bei einem Banküberfall. Beute: ein paar Tausender. Immerhin waren die dummen Heinis nett genug gewesen, ihm ein paar Hunderter zu überlassen.

Des Weiteren hatte er bei ein paar Einbrüchen, hauptsächlich in Elendvierteln und in ungesicherte Geschäfte, mitgewirkt. Manchmal klaute er ein paar Knöpfe oder 50ct-Stücke vom Boden, um sich besser zu fühlen. Tommy war wirklich ein miserabler Gangster.

Das einzig Gute an ihm war eigentlich sein Waffenschein. Er hatte einen, im Gegensatz zu den meisten Anderen. Das bedeutete, dass er wirklich gut war auf diesem Gebiet. Er konnte eine Tonente in 200 Metern Entfernung treffen. Das war zwar in diesem Milieu nicht nötig, da nur selten Tonenten in Überfälle involviert waren, sprach aber immerhin für seine Qualität.

Was noch gut an ihm war, war die Tatsache, dass er sehr viel wusste. Über die ganz großen Gangster. Das war eigentlich eher ein Grund, ihn umzubringen, aber weil er durch sein unscheinbares, wenn auch nettes Aussehen, die rivalisierenden Gangsterbosse ausspionieren konnte — darin war er wirklich gut —, wurde er am Leben gelassen.

Bis die Nachricht von Rick kam. Tommy wusste einiges von Rick. Er aß gerne Pizza. Er brachte jeden Mittwoch, Freitag und Samstag Prostituierte mit nach Hause. Durchschnittlich verließen nur 2 von 3 die Wohnung lebend. Er war ein Gangster der obersten Sorte, mit Töten und Raubüberfällen und all dem Zeugs. Trotzdem war er eigentlich ein netter Zeitgenosse, wenn man seine Regeln befolgte. Er brachte einen nicht aus Spaß um. Meistens jedenfalls nicht. Und wenn doch, dann wollte er nur Spaß machen und hatte es etwas zu weit getrieben. Tommy wusste das. Die Prostituierten waren der beste Beweis. Rick war sich seiner Kraft einfach nicht bewusst.

In gewissem Sinne war Rick Tommys Idol. Er wollte schon immer mal so sein wie Rick, die getöteten Prostituierten mal ausgelassen. Was auch der Grund war, aus dem er immer vor seiner Wohnung herum lungerte. Nein, er war nicht schwul. Okay. Vielleicht ein ganz kleines bisschen. Okay, vielleicht sogar mehr als ein kleines bisschen. Aber trotzdem war der Hauptgrund, dass Rick sein Idol war, und nicht, dass er es mochte, Rick anzusehen. Das würde ihm nie in den Sinn kommen.

Tommy schätzte, dass das der Grund war, warum Rick ihn zu dem Auftrag eingeladen hatte. Um ihn loszuwerden. So subtil war Tommy nämlich auch nicht. Und jeder kannte die 30,0001 / 69,9999 Chance. Das wäre eine wunderbare Gelegenheit, einen schwulen Verehrer lemminghaft zu entsorgen. Niemand würde Verdacht schöpfen. Alle würden wissen, was vorgefallen war. Tommy stellte sich schon seine Grabrede vor: „Und jetzt ist er hin, unser geliebter Tommy, dem es zum Verhängnis wurde, dass er sich zuerst ein einen Gangsterboss verknallte und sich danach bei einem Auftrag verknallte. Wir werden sein Andenken in Ehren halten.“

Aber das soll nur ein kurzer Einblick in Tommys Seelenleben sein.


Rick schlug die Cabriotür wirklich nonchalant zu, als hätte er es darauf angelegt, das arme Cabrio, das nun wirklich gar nichts für irgendetwas konnte, zu zerstören. In gewissem Sinne hatte er Erfolg. Dass die Beifahrertür schief in den Angeln hing, war jedenfalls vorher nicht so gewesen.

Weißt du was, Tommy? Falls du das hier überlebst, und ich ein bisschen Kohle habe, dann kauf ich dir ein neues Auto. Oder meld dich bei „Pimp my ride“ an.“

Danke.“

Du brauchst dich nicht zu bedanken. Ich habe „falls du überlebst“ gesagt.“

Okay. Darf ich was fragen?“

Natürlich, Tommy. Ich werde aber wahrscheinlich nicht antworten.“

Okay. Was genau machen wir hier eigentlich?“

Darauf werde ich nicht antworten, Tommy.“

Okay.“

Man musste als Partner von Rick wirklich großes, großes Glück haben, um zu erfahren, worum es bei dem Auftrag ging. Im Endeffekt reimte man sich alles selbst zusammen. Soweit Tommy sehen konnte, hatte Rick kein Geld oder ähnliches dabei. Es musste also um ein Gespräch gehen. Das Gebiet, in dem sie hier waren, kannte er ebenfalls. Es war das Gebiet der Anderen, und nein, das sagte Tommy jetzt nicht, weil er ihren Namen nicht kannte, sondern weil sie wirklich so hießen. Ein verdammt dummer Name, fand er.

Die beiden steuerten auf das baufällige Gebäude zu, in dem sich Tommys weiterer Lebensweg entscheiden würde. Klang irgendwie cool, wenn auch morbid. Tommy hatte das Gefühl, dass Gangstergespräche nie in schnieken Neubauten geführt würden, wo der Teppich aus echtem Hermelinfell — oder was sonst noch illegal und sauteuer war — war und die Wände mit Marmor verkleidet waren. Er schätzte, das lag daran, dass Blut auf Hermelinfell nicht gut aussah. Auf einem staubigen und verklebten Parkettboden wirkte das direkt viel besser. Wenn die Staubflocken allesamt rot gefärbt waren, hatte man sogar noch ne Chance, sich bei der Polizei rauszureden: „Verstehen sie doch… das sind Staubflöckchen vom Mars…“

War einen Versuch wert.

Tommy hatte das Gefühl, dass irgendwo in der Gegend eine Chemiefabrik war. Anders konnte er sich seine unzusammenhängenden Gedanken und sein schummriges Gefühl in seinem Körper nicht erklären.


Als sie an der Haustür angekommen waren, klopfte Rick genau drei Mal an die Tür. Tommy war fasziniert. Gangsterzeug! Selbst wenn es ihn an wenig an seine Kindertage erinnerte, in denen man nur mit der richtigen Klopfkombination ins Baumhaus durfte.

Ein irgendwie unangenehm und gar nicht nett aussehender Mann öffnete ihnen schließlich. „Hi“, sagte er und wirkte ein wenig so wie jemand, dem mitten im Satz das Wort abgeschnitten wurde. Das war normal, wenn man mit Rick redete. Irgendwie vergaß man immer, dass man ihn nicht Rick nennen durfte.

Wer ist die Schwuchtel?“

Langsam, aber sicher, war Tommy es leid, Schwuchtel genannt zu werden.

Das ist Tommy. Treues Anhängsel. Sieht nett aus. Hilft mir beim Auftrag.“

Okay. Was weiß er?“

Dass schwule Männer nicht tanzen können. Nicht wahr, Tommy? Oder kannst du tanzen?“

Tommy schüttelte den Kopf. Konnte er nicht. Würde er aber auch nicht können, wenn er nicht schwul wäre. Glaubte er jedenfalls. Vielleicht hing das ja tatsächlich miteinander zusammen und er bekam den Nobelpreis für diese Entdeckung. Falls er noch lange genug lebte, um die nächste Verleihung miterleben zu können. Gingen Nobelpreise auch an Tote?

Okay. Kommt rein.“

Im Inneren sah es erstaunlich nett aus. Noch nicht einmal staubig. Das Parkett war in Ordnung, die Tapeten waren nicht zerrissen, wenn auch manchmal etwas blutig, und es hingen sogar ein paar Bilder an den Wänden. Ein bisschen wie beim Arzt. Man wurde daran erinnert, dass das doch eigentlich ganz nett war, bis — bämm! — der Arzt mit der Spritze rein kam und es doch fürchterlich weh tat.

Wie geht’s dir so?“

Kann nicht klagen. Hab allerdings kaum noch Kohle. Bosch verbraucht ziemlich viel. Eigentlich Ironie der Spitzenklasse.“

Wer ist Bosch?“

Geht dich gar nichts an, Tommy.“

Der, der sie eingelassen hatte, lachte. Das klang sogar ganz nett, fand Tommy. Er beschloss, dass er diesen Typen ganz vorsichtig mögen würde.

Er redet von seiner Waschmaschine. Wenn du verstehst, was ich meine.“
Tommy hatte das Gefühl, dass er keine herkömmliche Waschmaschine von Bosch meinte. Also nickte er. Ein bisschen verstand er immerhin.

Kann der Typ schweigen?“
„Wie ein Grab.“

Irgendwie glaubte Tommy, dass das ganz und gar nicht metaphorisch zu verstehen war. Aber vielleicht waren das nur die Nerven.

Okay. Ich bin Louis. Nenn mich Lou.“

Okay. Ich bin Tomaso. Nenn mich Tommy.“

Tomaso? Heilige Scheiße!“

Lou lachte. Das wäre ein super Spitzname, fand Tommy, Laughing Lou. Aber er hatte auch eindeutig zu viele Gangsterfilme gesehen. Und sein Verstand hatte ihn schon am vorletzten Block verlassen.

Meine Mutter war Mittelmeerfreak.“

War?“
„Tot.“

Wie?“

Hat sich vor nen Zug geworfen.“
„Würde ich auch, wenn ich so ne Schwuchtel als Sohn hätte.“

Das war Rick, und er machte damit klar, dass er die Unterhaltung für beendet hielt. Und falls nicht damit, dann mit der silbern glänzenden Pistole, die sich ganz vorsichtig an Tommys Schulter drückte.

Wo ist Sal?“

Direkt hier drüben. Immer mit der Ruhe. Ich wollte dem armen Tomaso nur helfen, damit er sich nicht in die Hosen macht. Der Teppich ist neu.“

Also doch Teppich! Tommy war beeindruckt. Er mochte Teppiche. Vielleicht konnte man ihn ja Teppich Tommy nennen. Vielleicht konnte er raus hauen, dass sie seine Leiche in einen Teppich einwickelten. Vielleicht — sollte er einfach die Klappe halten.

Die dritte Tür rechts war es, wie Tommys Gehirn völlig ungewollt registrierte. Lou zog einen Schlüssel aus der Hosentasche und schloss sie auf. Es knackte nicht, also überlegte Tommy, dass das wahrscheinlich nur Show gewesen und die Tür schon vorher offen gewesen war. Gangster!

Es befanden sich genau drei Leute in dem, zugegeben, etwas protzig aussehenden Raum: einmal ein etwas dicklicher Mann mit Glatze, der auf einen blutroten Lehnstuhl hinter einem Schreibtisch saß. Dann ein dünner und viel zu großer Mann, ebenfalls mit Glatze, daneben. Er blickte stur geradeaus und schien sie nicht zu registrieren, im Gegensatz zu dem Dicken, der ihnen immerhin ein Lächeln schenkte. Ganz rechts in der Ecke saß, mit lässig überschlagenen Beinen, ein ganz normal breiter und hoher Mann, und zwar mit Haaren. Mit braunen. Der Durchschnitt in Person, quasi. Auch bekannt als Lemming Lenny.

Tommy schluckte. Das konnte nichts gutes verheißen, wenn man den Henker schon mit zur Gerichtsverhandlung brachte. Wow, das war gerade eine Metapher! Gangstersprache! Oder so!

Hi, ihr beiden.“

Der Dicke, das war dann offensichtlich Sal, stand auf und streckte den beiden jeweils eine Hand aus. Tommy ergriff die linke und hatte prompt das Gefühl, seine Hand nie mehr benutzen zu können. Das tat ja weh!

Ricks Gesichtsausdruck veränderte sich nicht im Geringsten, er schien es gewohnt zu sein.

Und, wie geht’s so?“

Kann nicht klagen.“

Ich auch nicht. Hab zu viele Vorstrafen.“
Was für ein lahmer Witz, dachte Tommy.

Wer ist das neben dir?“
„Das ist Tommy.“

Der Typ mit dem Kindertutu?“

Nein, der ist tot.“

Ach ja. Ich verliere so leicht den Überblick. Setz dich, setz dich, und du, Tommy, setz dich neben Lenny. Wie hieß der noch mal, der mit dem Tutu?“

Tim-Justin.“

Ach ja. Scheiß schwuler Name, nicht wahr?“

Rick nickte und setzte sich auf einen der weichen Stühle, die vor dem Schreibtisch standen. Für Tommy blieb nur der Boden, denn Lemming Lenny nahm den einzig freien Stuhl in der Ecke ein. Tommy nickte ihm zu und lächelte, bevor er sich neben ihn auf dem Boden nieder ließ.

Wenn du dich an meine Beine anlehnst, bist du schneller als tot, als du „Lemming“ sagen kannst.“

Klar.“

Werd nicht frech.“

„’Tschuldigung.“

Offensichtlich hatte Lemming Lenny einen schlechten Tag. Oder er wollte cool sein. Tommy seufzte und lehnte sich an die Wand. Das Spektakel zwischen Sal und Rick ging los, das wollte er nicht verpassen, vor allen Dingen dann nicht, wenn es seine letzten Minuten sein könnten.

Also, Sal, mir ist daran gelegen, dass wir das Ganze schnell hinter uns bringen, ich hab noch andere Sachen zu tun.“

Rick lehnte sich lässig im Stuhl zurück, und Tommy betrachtete ihn fasziniert. Nicht, weil er schwul war. Nie.

„’Türlich. Mir auch. Muss noch ein paar andere erledigen. Also, ich meine andere, nicht meine Leute.“
„Ich verstehe.“

Also, wie viel?“

Tommy war noch faszinierter. Offensichtlich hatten die eine Ahnung, wovon sie redeten! Und das ganz ohne langes Geplänkel.

40000.“

Spinnst du?! Das ist ja noch nicht mal so viel, wie wir bekommen.“

Untertreib nicht. Ihr bekommt 200000, wir 40000.“

Und was genau sollte mich dazu veranlassen, dir auf einmal 10000 mehr zu geben?“

Hatte ein paar Reparaturen zu erledigen. Kostet Geld, weißt du.“

Rick blickte desinteressiert, während Sals Augen funkelten. Der hagere Mann, dessen Name Tommy immer noch nicht wusste, tat nichts. Er blinzelte noch nicht einmal. Vielleicht war er tot. Ausgestopft. Moment, nein, er atmete.

Ist ja nicht so, dass du nicht genug hättest. Zigarette?“
„Nein, danke. Tommy hat mir großzügigerweise seine überlassen.“

Und wieso sollte ich für deinen Scheiß bezahlen?“
„Weil ich gut bin.“

Egal, wie gut du bist, es gibt immer noch 10 Bessere.“

Aber nicht hier. 40000, und gut is. Ich hatte zwei Wochen Leerlauf, Sal. Meinetwegen geb ich noch 20000 dazu, und ab der nächsten Lieferung verhandeln wir noch mal.“

Tommy rutschte unruhig hin und her. Das war alles? Die beiden saßen da am Tisch und redeten über irgendwelche Zahlen?! Und dafür sollte er jetzt abkratzen? Das war ja miserabel. Tommy klopfte Lenny vorsichtig auf den Oberschenkel.

Hey.“

Er versuchte, so leise und dezent wie möglich zu flüstern.

Bringst du mich gleich um, hat Rick was gesagt?“

Lemming Lenny antwortete nicht. Stattdessen grinste er nur und schnipste Tommy gegen den Kopf. Das tat auch weh, aber nicht so sehr wie Sals Händeschütteln. Tommy redete trotzdem weiter. Er war irgendwie nervös.

Und, und bringst du mich mit nem Strick um? Oder schneidest du mir die Pulsadern auf? Ich wäre ja für eine Überdosis Schlaftabletten, das ist schmerzlos und —“

SCHNAUZE!“

Das war die Leiche gewesen. Also, der Typ, der bis jetzt nur geatmet hatte. Tommy fand den Namen cool. Allerdings nicht mehr so cool, als die Leiche direkt vor ihnen stand. Es war noch furcht erregender, weil Tommy auf dem Boden saß und zu ihm hoch blicken musste.

Wenn du nicht deine Schnauze hältst, bring ich dich höchst persönlich um und versohl dir so deinen Arsch, dass du das noch in der Hölle spürst!“

Die hatten das aber alle mit diesen Arschmetaphern.

„’Tschuldigung.“

Jetzt hatte er Lenny gar nicht fragen können, ob er wirklich Lenny hieß. Das kam Tommy nämlich irgendwie komisch vor, dass jemand ausgerechnet so hieß, dass es mit Lemming zusammen passte. Aber vielleicht waren Gangster auch einfach nur erfinderisch. Wenn er Steven heißen würde, würde er vielleicht „Schwarze Witwe Steven“ heißen. Das klang irgendwie scheiße, aber Tommy war ja auch kein Gangster. Vielleicht hatten die ja eigene Typen dafür, die sich coole Namen ausdachten. Yeah! Tommy widmete sich wieder dem Gespräch.

37000.“
„39000.“

38000, mein letztes Wort. Mir fallen auf Anhieb noch 3 Typen ein, die’s mir umsonst machen würden.“

Tommy hoffte inständig, dass das jetzt nicht so gemeint war.

Meinetwegen.“

Und die nächste Lieferung kostet 30000. Egal, ob deine beschissene Maschine Leerlauf hat oder nicht..“

Deal?“
„Deal.“

Okay, dachte Tommy und versuchte, sein Zittern zu kontrollieren, dafür wirst du jetzt sterben. Du hast es sozusagen verbockt. Deine Homosexualität bringt dich noch in die Hölle, hat deine Mutter gesagt, und siehe da, sie hat recht gehabt. Mütter!

So ein beschissener Auftrag. Es floss noch nicht einmal Blut. Okay, seins vielleicht. Aber sonst keins. Langweilig, fand Tommy. Und dafür jetzt sterben. Mit 69,9999%iger Wahrscheinlichkeit.


Sal und Rick standen jetzt beide vorm Schreibtisch und schüttelten sich gerade wieder die Hände. Tommy stand schon mal langsam auf und wischte sich irgendwas Klebriges von seinem Hintern. Vielleicht war der Raum doch nicht so protzig, wie er aussah.

Kann der Kleine eigentlich tanzen?“

Tommy fragte sich, wofür die Frage jetzt war.

Nein. Er ist schwul. Es können prozentual weniger schwule Männer tanzen als Heten.“

Wo hast du denn das her?“
Sal sah ehrlich erstaunt aus.

Hat er gesagt. Hat’s sich ausgedacht. Aber ich finde, es klingt nett. Oder?“

Aber hallo. Wir sehen uns.“

Immer, Sal.“

Rick machte eine auffordernde Handbewegung, und Tommy folgte ihm wie ein Hündchen. Lemming Lenny ging dicht hinter ihm, was ihn noch mehr beunruhigte.

Eigentlich hatte er erwartet, dass sie wieder den Weg zurück gehen würden, den sie vorhin gegangen waren. Falsch gedacht. Rick führte sie genau in die entgegen gesetzte Richtung, auf einen Hinterhof.

Okay. Er würde eindeutig abkratzen. Lenny lehnte sich lässig gegen die Hauswand, während Tommy Rick etwa in die Mitte des kleinen Hofes folgte.


Darf ich noch was fragen?“

Ich werde dir höchstwahrscheinlich nicht antworten, Tommy.“

Ich weiß. Ich wollte nur wissen, warum Sal wissen wollte, ob ich tanzen kann.“

Ach, das. Er mag tanzende Männer. Er schickt sie gerne im Tutu auf die Polizeiwache.“

Ich dachte, das machst du.“

Hab’s mir abgeguckt. Zigarette?“
„Das sind meine.“
„Ach ja. Dann kriegst du keine. Feuerzeug?“

Brauch ich nicht. Ich will nicht rauchen.“
„Ich meinte, hast du eins, Tommy.“

Ach so. Klar. Hier.“

Tommy reichte Rick ein fliederfarbenes Feuerzeug. Rick zündete sich genüsslich eine Zigarette an und nickte dann Lemming Lenny zu. Der kam langsam auf ihn zu und reichte ihm etwas kleines. Tommy konnte nicht genau sehen, was es war, da Rick es direkt mit seiner Hand bedeckte. Es war auf jeden Fall gelb gewesen. Tommy schluckte.

Jetzt begann Lemming Lenny, zu sprechen. Er hatte eine nette Stimme. Ein bisschen zu hoch, als hätte er mit den Nachwirkungen einer Heliuminhalation zu kämpfen.

Also. Weißt du, wieso ich Lemming Lenny heiße?“
„Weil du Leute umbringst und es so aussehen lässt, als ob sie’s selbst getan hätten.“
„Richtig. Nebenbei verdiene ich mein Geld mit Grafikdesign. Du weißt gar nicht, wie viel Geld man mit illegalen Webseiten im Internet verdienen kann. Schließlich brauchen auch die Anderen eine Internetpräsenz. Jedenfalls, krieg ich auch so ne Zigarette?“
Tommy war verwirrt. Nachdem Rick Lenny eine Zigarette gegeben hatte, fuhr er allerdings zum Glück fort.

Okay. Ich mache nebenbei auch ein bisschen Design für Rick. Ist schließlich ein netter Typ. Und er hat mich gebeten, dir das hier zu machen. Um ehrlich zu sein, das ist nicht exklusiv für dich. Das ist sozusagen für alle. Aber egal.“

Er bekam etwas in die Hand gedrückt. Das, was Rick zuvor in der Hand gehalten hatte. Einen kleinen Sticker. „Ich gehöre zu den 30,0001%“ stand drauf. Tommy zog eine Augenbraue hoch.

Was ist das?“
„Wir bringen dich nicht um, das ist das.“

Bitte?! Und da krieg ich so nen dämlichen Sticker?! Ist das hier „Versteckte Kamera“ oder so?!“

Also, wenn’s dir dann besser geht, kann ich dich auch gerne umbringen. Und nein, es kommt keine Versteckte Kamera. Ich find das einfach nett, den Leuten das zu sagen. Das können sie dann an ihr Auto kleben, und dann weiß jeder, dass sie Rick und Lemming Lenny überlebt haben. Das ist sozusagen ne Auszeichnung, Tommy.“

Okay. Und wieso?“

Weil du so eine Dumpfbacke bist, dass du schon wieder gut bist. Dich kann man gebrauchen. Wenn schon nicht als Spion, dann als Klassenclown. Oder Entertainmentschwuchtel. Außerdem wirst du niemandem irgendeinen Namen sagen. Dafür bist du zu hohl. Komm, Lenny.“

Lemming Lenny nickte, und Rick und er schlenderten gemütlich vom Hinterhof.

Er hatte also überlebt. Tommy legte den Kopf schief. Irgendwie war das enttäuschend. Jetzt konnte er ja gar kein Teppich Tommy mehr sein. Und Entertainmentschwuchtel war ein nur halb so guter Spitzname.

Kurz bevor die beiden um die Ecke bogen, drehte Rick sich allerdings noch einmal um. Vielleicht bringt er mich doch noch um die Ecke!, war Tommys erster Gedanke. Naja, fast.

Wenn du mir noch mal nachspionierst, Tommy, solltest du dir schleunigst ein Tutu besorgen. Egal, ob Schwule tanzen können oder nicht. Und danach wirst du schneller ein paar Kugeln in deinem Hintern haben, als du „Bitte nicht“ jammern kannst.“

Okay.“
„Hör auf „okay“ zu sagen, Tommy.“

„’Tschuldigung.“

Hör auf — ach, vergiss es.“




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